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Der Wolf ist zurück in Mitteleuropa und er wird bleiben!

Dieser Wolf wurde von einer Wildkamera im italienischen Tarvis nahe der Grenze zu Kärnten/Österreich aufgenommen.
Dieser Wolf wurde von einer Wildkamera im italienischen Tarvis nahe der Grenze zu Kärnten/Österreich aufgenommen.

Er kommt lautlos. Nicht als Mythos aus alten Jagdbüchern, sondern als reale Präsenz in unseren Revieren. Der Wolf ist zurück in Mitteleuropa – und aktuelle Studien der vergangenen zwei Jahre zeichnen ein Bild, das differenzierter ist als jede hitzige Debatte. Für Schuss & Stille lohnt es sich, genau hinzusehen. Ohne Ideologie. Mit Respekt vor Fakten, Jagdpraxis und Landschaft.



Eine Erfolgsgeschichte – mit Schattenseiten


Die nüchternen Zahlen sind beeindruckend: Über 21.000 Wölfe leben inzwischen in Europa. In den Alpen, in den Karpaten, im Dinarischen Gebirge entstehen immer neue Rudel, Reviere wachsen zusammen, Grenzen verlieren ihre Bedeutung. Wissenschaftler sprechen von einer der erfolgreichsten Rückkehrgeschichten großer Beutegreifer weltweit.


Doch Erfolg ist relativ. Denn viele dieser Studien zeigen auch: Der Wolf kehrt nicht in unberührte Wildnis zurück. Er kommt in eine Kulturlandschaft. In Almgebiete, Jagdreviere, Nutzflächen. Genau hier beginnt die eigentliche Herausforderung.



Mobil, vernetzt, unbeirrbar


Genetische Untersuchungen aus Mitteleuropa belegen, wie mobil der Wolf ist. Tiere aus Slowenien tauchen in Österreich auf, Karpaten-Wölfe mischen sich mit alpinen Populationen, wandernde Einzeltiere schließen genetische Lücken. Selbst wenn ein Gebiet wolfleer geschossen würde – neue Tiere könnten binnen weniger Monate nachrücken.


Für das Management ist das eine unbequeme Wahrheit: Lokale Lösungen allein reichen nicht. Der Wolf denkt nicht in Landesgrenzen. Und er akzeptiert keine Verwaltungsakte.



Konflikte sind längst keine Ausnahme mehr


Mit der Ausbreitung steigen auch die Konflikte – das zeigen fast alle aktuellen Studien. Nutztierrisse nehmen dort zu, wo Herdenschutz fehlt oder schwer umsetzbar ist. In alpinen Regionen prallen Interessen besonders hart aufeinander: Almwirtschaft, Tourismus, Jagd und Naturschutz teilen sich denselben Raum.


Auch ein oft verdrängtes Thema rückt wissenschaftlich in den Fokus: Angriffe auf Hunde. Vor allem Jagdhunde, aber auch frei laufende Begleithunde sind betroffen. Über 2.300 dokumentierte Fälle zwischen 1999 und 2024 europaweit zeigen: Der Wolf ist kein scheuer Schatten mehr. Er verteidigt Reviere, reagiert auf Konkurrenz – instinktiv, nicht emotional.



Der Wolf als Mitgestalter


Ökologisch zeigen neue Arbeiten ein zwiespältiges Bild. Der Wolf beeinflusst Wildbestände, verändert das Verhalten von Reh, Rotwild und Gams. Das kann positiv sein – weniger Verbiss, mehr Dynamik. Gleichzeitig entstehen neue Ungleichgewichte, gerade dort, wo große Beutegreifer über Jahrzehnte gefehlt haben und Jagdstrukturen sich angepasst hatten.


Der Wolf ist kein Relikt vergangener Zeiten. Er ist ein neuer Akteur in einem System, das längst vom Menschen geprägt ist.



Schutzstatus und Realität


Brisant ist auch die politische Dimension. Trotz steigender Bestände weisen mehrere Studien darauf hin, dass der Wolf europaweit noch keinen „günstigen Erhaltungszustand“ erreicht hat – zumindest nach streng wissenschaftlichen Kriterien. Gleichzeitig wurde der Schutzstatus auf EU-Ebene zuletzt gelockert. Mehr Handlungsspielraum für Staaten, mehr Verantwortung – aber auch mehr Konfliktstoff.


Für Jäger stellt sich dabei weniger die Frage nach Symbolpolitik, sondern nach Praktikabilität: Wie gestalten wir ein Miteinander, das Wild, Weidetieren und Menschen gerecht wird?



Was bleibt


Die neuen Studien sind keine Anklage – und kein Freibrief. Sie zeigen vor allem eines: Der Wolf ist gekommen, um zu bleiben. Er verlangt Sachlichkeit statt Schlagworten, Management statt Romantik und eine ehrliche Auseinandersetzung jenseits der Extreme.


Für Schuss & Stille ist klar: Jagd bedeutet Verantwortung für das Ganze. Der Wolf gehört nun zu diesem Ganzen. Ihn zu ignorieren wäre ebenso falsch, wie ihn zu verklären. Heute braucht es deshalb vor allem eines: Wissen. Und die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten auszuhalten.

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