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Europas Wölfe im Fadenkreuz: Wo werden die meisten Tiere erlegt?

Dieses Foto vom Wolf wurde in den österreichischen Bergen - direkt an der Grenze zu Italien -  aufgenommen.
Dieses Foto vom Wolf wurde in den österreichischen Bergen - direkt an der Grenze zu Italien - aufgenommen.

Es gibt in Europa kaum ein Wildtier, das derart polarisiert wie der Wolf. Für die einen ist er Ikone der Rückkehr der Wildnis, für die anderen ein knallharter Konfliktfaktor im Alm- und Weidebetrieb – und zunehmend auch ein Thema, das mitten ins jagdliche Selbstverständnis zielt: Regulieren wir eine Population – oder verlieren wir die Kontrolle über die Debatte?


Wer nüchtern fragt, wo in Europa die meisten Wölfe erlegt werden, landet zwangsläufig bei zwei sehr unterschiedlichen Welten:


  1. Länder mit klassischer, regulärer Jagd samt Quoten und langen Managementtraditionen.

  2. Länder, in denen Abschüsse primär als Ausnahme/Entnahme unter strengen rechtlichen Voraussetzungen laufen – oft getrieben durch Nutztierschäden, öffentliche Sicherheit und Gerichtsentscheidungen.



Die absoluten Spitzenreiter: Baltikum Jagd als Managementnormalität


Lettland spielt in einer eigenen Liga – weil der Wolf dort seit Jahren als bejagbare Wildart im Management geführt wird. Für die Saison 2022/2023 ist die Lage glasklar dokumentiert: Limit 300, erlegt 300.  Das ist nicht „Entnahme im Ausnahmefall“, sondern gelebtes Bestandsmanagement – mit Strecken, die in Mitteleuropa schon als politische Sprengladung gelten würden.


Warum so hoch? Die lettische Argumentation folgt einer klassischen Logik: steigende Nutztierschäden, Monitoringdaten und dann Anpassung der Quote. 


Auch Estland arbeitet mit jährlichen Jagdlimits. Offiziell kommuniziert die Umweltbehörde für die Saison 2023/2024 ein Limit von 144 Wölfen.  Der wesentliche Punkt: Die Behörde setzt den Rahmen, die Jagd liefert die Umsetzung. In der Debatte klingt das simpel – in der Praxis ist es eine hochpolitische Stellschraube zwischen Akzeptanz im ländlichen Raum und Naturschutzrecht



Frankreich: Streng geschützter Wolf – aber hohe Abschusszahlen über „tirs dérogatoires“


Frankreich ist der Prototyp einer europäischen Doppelrealität: Wolf streng geschützt, gleichzeitig aber hohe legale Abschusszahlen über Ausnahmeinstrumente („tirs dérogatoires“).


Die französische Fachplattform (OFB/„loupfrance“) erklärt seit Jahren den Mechanismus: ein jährlicher Plafond (Obergrenze) – seit 2019 19 Prozent des geschätzten mittleren Bestands.  Für den Rechtsrahmen 2024 ist der zentrale Text u. a. der Arrêté vom 21. Februar 2024, der Bedingungen und Grenzen für Abschuss-„Dérogations“ definiert.


Dieser Wolf wurde in Slowenien beim Überqueren einer Straße angefahren und verendete.
Dieser Wolf wurde in Slowenien beim Überqueren einer Straße angefahren und verendete.

Im offiziellen „Loup-lynx“-Jahresrückblick 2024 werden 258 tot aufgefundene/erfasste Individuen genannt (alle Ursachen), wobei 75,1% auf „tirs dérogatoires“ (Ausnahmeabschüsse) entfallen. Auf derselben Seite wird die Verteilung als Zahlen ausgewiesen: 194 durch „tirs dérogatoires“, 42 Kollisionen, 8 illegale Abschüsse, 10 unbestimmt, 4 sonstige. Dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass dies keine lückenlose Vollzählung aller Wolfsentnahmen ist, sondern das, was im Monitoring sichtbar wird.



Die Alpen-Schneise: Schweiz – präventive Regulierung mit zweistelligen bis hohen zweistelligen Zahlen


Die Schweiz ist für den Alpenraum aktuell das spannendste Labor: präventive Regulierung (nicht erst nach Schäden) plus massiver politischer Druck aus Weidegebieten.


Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) fasst die zweite präventive Regulierungsphase 01.09.2024 bis 31.01.2025 zusammen:

  • Zustimmung für rund 125 Abschüsse,

  • tatsächlich bis Ende Januar 2025 92 Wölfe präventiv abgeschossen, kein Wolf reaktiv in dieser Phase.  


Besonders hart war der Schnitt in Graubünden: Der Kanton meldet offiziell, dass in genau diesem Zeitraum 48 Wölfe erlegt wurden – durch Wildhut mit Unterstützung der Jägerschaft. 


Der Wolf stellt für die gelebte Alm- und Landwirtschaft ein großes Konfliktpotenzial dar.
Der Wolf stellt für die gelebte Alm- und Landwirtschaft ein großes Konfliktpotenzial dar.

Österreich: keine reguläre Jagd – aber konkrete Entnahmen über Verordnungen


In Österreich gibt es keine klassische Wolfsjagd. Was passiert, läuft über behördliche/landesrechtliche Instrumente (Abschussbescheide).


Der offizielle Statusbericht Wolf 2024 nennt:

  • 102 individuell nachgewiesene Wölfe 2024,

  • davon 13 „letal entnommen“ im Rahmen von Verordnungen,

  • plus weitere Abgänge (z. B. Verkehr).  


Das ist im europäischen Vergleich zahlenmäßig klein, aber für die Innenpolitik und die jagdliche Debatte in Almregionen enorm wirkmächtig – weil jeder Einzelfall öffentlich wahrgenommen wird.



Slowenien: Entnahme per Bescheid – kleinräumig, konkret, rechtlich eng


Für Slowenien ist der Modus ähnlich: Wolf ist geschützt, Entnahmen laufen über Genehmigungen. Das sind keine „Jagdquoten“, sondern punktuelle Eingriffe. Wie viele Wölfe pro Jahr erlegt werden ist nicht genau feststellbar.



Deutschland: legal geschossen wird wenig – Totfunde dominieren andere Ursachen


In Deutschland ist der Wolf geschützt; legale Entnahmen sind selten. Die DBBW-Totfundübersicht weist seit 2000 20 Wölfe aus, die „legal im Rahmen des Managements“ starben. Gleichzeitig dominiert in den Totfunden Verkehr als Hauptursache.



Der große Irrtum Mitteleuropas: Dort, wo man „viel Abschuss“ vermutet, wird meist geschützt


Ein Blick nach Südost- und Osteuropa offenbart einen der größten Denkfehler der mitteleuropäischen Wolfsdebatte. Ausgerechnet jene Länder, die im öffentlichen Diskurs gerne als „wolfsjagdlich liberal“ oder „unkontrolliert“ dargestellt werden, zählen in der Praxis zu den restriktivsten Wolfsregimen Europas.



Europas größte Wolfspopulation, aber kaum legale Abschüsse


Rumänien beherbergt mit geschätzten 2.500 bis 3.000 Wölfen die mit Abstand größte Wolfspopulation der Europäischen Union. Wer daraus automatisch hohe Abschusszahlen ableitet, irrt fundamental.

  • Keine reguläre Jagd

  • Wolf streng geschützt (FFH-Richtlinie, Anhang IV)

  • Abschüsse ausschließlich als Einzelfall-Entnahmen („tirs dérogatoires“)

    → bei Gefahr für Menschen oder massiven Nutztierschäden

  • Genehmigungen zentral gesteuert, politisch hochsensibel


Dort, wo zahlenmäßig das größte Regulierungspotenzial läge, wird am wenigsten geschossen. Rumänien setzt primär auf Monitoring, Entschädigungssysteme und rechtliche Kontrolle – nicht auf jagdliches Management.



Ungarn liegt an der westlichen Ausbreitungsfront der Karpatenpopulation. Der Wolf ist präsent, aber:

  • streng geschützt

  • kleine Population (ca. 80–100 Tiere)

  • keine Jagd, praktisch keine legalen Abschüsse

  • Ausnahmegenehmigungen rechtlich möglich, faktisch nahezu nicht existent



Polen zählt mit rund 1.900–2.000 Wölfen zu den großen Wolfsnationen Europas. Dennoch:

  • Wolf seit 1998 vollständig geschützt

  • keine Jagd

  • Ausnahmeabschüsse extrem selten

  • starke internationale Beobachtung (NGOs, EU, Wissenschaft)


Besonders im Osten und im Białowieża-Urwald ist der politische Druck enorm. Legale Abschüsse bleiben die absolute Ausnahme – trotz hoher Dichte.




Der restliche Balkan: Schutzdomäne mit wenigen Ausnahmen


Kroatien:

  • Wolf streng geschützt

  • Ausnahmeabschüsse rechtlich möglich

  • in der Praxis sehr selten

  • starke Rolle von EU-Recht & NGOs


Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Serbien:

  • formell teils weniger strikt geregelt

  • faktisch geringe Abschusszahlen

  • fehlende Jagdtradition auf Wolf als Managementinstrument

  • oft unklare Monitoringdaten, aber keine systematische Bejagung


Der Balkan ist kein Abschuss-Hotspot, sondern überwiegend eine Schutzregion mit punktuellen Eingriffen.



„Erlegt“ ist nicht gleich „erlegt“


Europaweit muss man somit sauber trennen, zwischen regulärer Jagdstrecke (Lettland, Estland), legalen Abschüssen mittels Verordnungen und Ausnahmen (Frankreich, Österreich), sowie präventiver Regulierung (Schweiz) und natürlich Totfunden, etwa durch Verkehr, natürlicher Mortalität oder illegaler Abschüsse.


Wer diese Kategorien vermischt, landet zwangsläufig in falschen Vergleichen – und genau das passiert in der öffentlichen Debatte ständig.



Die großen Abschusszahlen entstehen dort, wo das Recht große Zahlen zulässt


Baltikum = Jagdrecht & Tradition → dreistellige Quoten. 

Frankreich/Schweiz = Schutzstatus, aber starke Ausnahme-/Regulierungsinstrumente → hohe legale Mortalität bzw. hohe präventive Abschüsse. 

Mitteleuropa (AT/DE/SI) = enger Korridor → kleine Zahlen, aber hoher Konfliktpegel pro Einzelfall. 


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