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Ferlacher Drillinge: Als Jagdwaffen noch Kunstwerke waren

vor 2 Stunden
5 Min. Lesezeit
Waffenexperte David mit einem Drilling von Franz Sodia aus dem Jahr 1972
Waffenexperte David mit einem Drilling von Franz Sodia aus dem Jahr 1972

Drei Läufe, mehrere Kaliber und eine Handwerkskunst, die ihresgleichen sucht. Ferlacher Drillinge gehören zu den faszinierendsten Jagdwaffen, die jemals in Österreich gebaut wurden. Einst waren sie der Inbegriff jagdlicher Vielseitigkeit, heute sind gut erhaltene Exemplare begehrte Liebhaberstücke. Doch was macht diese Waffen so besonders? Unser Schuss & Stille-Waffenexperte David Mischkulnig von der Alpen Adria Jagd in Villach hat sich einen Franz-Sodia-Drilling aus dem Jahr 1972 genauer angesehen. Eine Reise in die Geschichte der österreichischen Büchsenmacherkunst.



Fein gemasertes Nussbaumholz, aufwendig gravierte Stahlflächen, drei kunstvoll miteinander verbundene Läufe und ein Verschluss, der selbst nach einem halben Jahrhundert mit bemerkenswerter Präzision arbeitet.


Hier haben Menschen nicht einfach eine Waffe gebaut. Sie haben ihr handwerkliches Können für Generationen in Stahl und Holz verewigt. „Das ist eine Qualität“, schwärmt David Mischkulnig, Büchsenmacher und Waffenexperte von Schuss & Stille, als er einen 1972 gefertigten Franz-Sodia-Drilling untersucht. Was heute fast schon wie ein technisches Wunderwerk anmutet, war einst eine besondere Spezialität der Ferlacher Büchsenmacher.



Ferlach: Wo die Büchsenmacher Geschichte schrieben


Die Geschichte beginnt im Kärntner Rosental, am Fuße der Karawanken. Schon Mitte des 16. Jahrhunderts ließen sich in Ferlach Waffenschmiede nieder. Wasser, Holz und die Nähe zu den Eisenlagerstätten boten ideale Voraussetzungen für die Herstellung von Gewehren.

Zunächst waren es vor allem Militärwaffen, die den Ruf der kleinen Stadt begründeten.


Als die industrielle Waffenfertigung im 19. Jahrhundert zunehmend nach Steyr abwanderte, mussten sich die Ferlacher Meister neu orientieren. Sie spezialisierten sich auf hochwertige Jagdwaffen, die nicht in riesigen Stückzahlen, sondern nach den individuellen Wünschen ihrer Kunden entstanden.


Aus dieser Notwendigkeit entwickelte sich eine Kunstfertigkeit, die Ferlach weltweit berühmt machte. 2010 wurde das traditionelle Ferlacher Büchsenmacherhandwerk in das österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.



Franz Sodia: Ein Name, der Jagdgeschichte schrieb


David am Schießstand mit einem Franz Sodia Drilling
David am Schießstand mit einem Franz Sodia Drilling

Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten dieser Entwicklung war Franz Sodia. Sein Vater Anton hatte sich bereits 1869 in Unterferlach niedergelassen. Franz machte sich spätestens 1901 selbstständig und entwickelte den Betrieb zu einem der bedeutendsten Jagdwaffenhersteller Österreichs.


Während viele andere Ferlacher Werkstätten vor allem auf individuelle Einzelstücke setzten, organisierte Sodia seine Fertigung zunehmend arbeitsteilig und industriell. In der Nachkriegszeit entstanden neue Maschinenhallen, später beschäftigte das Unternehmen zeitweise rund 120 Mitarbeiter. Besonders in den 1960er- und 1970er-Jahren fanden seine Jagdwaffen weit über die österreichischen Grenzen hinaus Käufer.

Sodia-Drillinge wurden sogar über den Katalog des deutschen Jagdausrüsters Frankonia angeboten. Dazu gehörten klassische Drillinge und aufwendig konstruierte Bockdrillinge.


Ein Exemplar aus dieser erfolgreichen Epoche hat nun unser "Schuss & Stille"-Waffenexperte David Mischkulnig unter die Lupe genommen.



Drei Läufe für nahezu jede jagdliche Situation


Was einen Drilling auszeichnet, ist die Kombination von drei Läufen in einer einzigen Kipplaufwaffe. Beim klassischen Drilling sind zwei Schrotläufe mit einem Kugellauf verbunden. Beim Triumphdrilling oder Bockdrilling stehen hingegen unterschiedliche Kugelkaliber und ein Schrotlauf zur Verfügung.


Der Franz Sodia aus dem Jahr 1972 ist ein solcher Triumphdrilling. Er verfügt über einen großen Kugellauf im Kaliber 6,5 × 57 R, einen kleineren Kugellauf in .22 Hornet sowie einen Schrotlauf im Kaliber 16/70. Damit konnte der Jäger vom Fuchs über das Reh und die Gams bis zum Rotwild unterschiedliche jagdliche Aufgaben mit einer einzigen Waffe abdecken, sofern Kaliber, Geschoss und Schussbedingungen dafür geeignet waren.


„Wenn man sich nicht für das richtige Kaliber entscheiden kann, kauft man sich halt einen Drilling“, scherzt Mischkulnig bei der Vorstellung. Doch diese Vielseitigkeit hat ihren Preis: Drei Läufe, eine gemeinsame Visierung und ein komplexes Abzugs- und Umschaltsystem verlangen vom Büchsenmacher höchste Präzision und vom Jäger eine besonders sichere Waffenhandhabung.



Die eigentliche Kunst liegt im Laufbündel


David kontrolliert das Laufbündel
David kontrolliert das Laufbündel

Eine der größten Herausforderungen beim Bau eines klassischen Drillings ist das sogenannte Garnieren der Läufe. Dabei geht es darum, die Läufe so aufeinander abzustimmen, dass ihre Treffpunktlagen auf eine festgelegte Distanz möglichst gut zusammenpassen.


Bei älteren Drillingen erfolgte diese Abstimmung unter anderem durch präzises Richten, Erwärmen und Löten des Laufbündels. Eine Aufgabe, für die es Erfahrung, Geduld und ein ausgezeichnetes Verständnis der Ballistik braucht. Hinzu kommt, dass unterschiedliche Laborierungen und die Erwärmung der Läufe das Treffpunktverhalten beeinflussen können. „Das ist eine Riesenarbeit, die Läufe so zu garnieren“, erklärt Mischkulnig. Gerade deshalb sei es wichtig, bei einem älteren Drilling die verwendete Munition und die Treffpunktlagen genau zu überprüfen.


Die Anordnung der Läufe beim Triumphdrilling
Die Anordnung der Läufe beim Triumphdrilling

Wie gut diese Handwerkskunst funktionieren kann, zeigte sich beim anschließenden Test auf dem Schießstand. Obwohl der Franz Sodia bereits 54 Jahre alt ist, überzeugte er mit hervorragenden Schussleistungen. Die Treffpunktlagen der beiden Kugelläufe lagen bei den erprobten Laborierungen bemerkenswert nahe beieinander. David war begeistert: „Die Waffe funktioniert perfekt.“



Gravuren, Nussbaumholz und Liebe zum Detail


Doch ein Ferlacher Drilling beeindruckt nicht nur durch seine Technik. Es ist vor allem die Verarbeitung, die viele Liebhaber bis heute begeistert.


Der Franz Sodia von 1972 trägt einen klassischen Schaft mit deutscher Backe, fein geschnittener Fischhaut und einem Kaisergriff. Die Metallflächen sind mit jagdlichen Motiven graviert. Auf den Seitenplatten finden sich Wilddarstellungen, die dem Gewehr seinen unverwechselbaren Charakter verleihen.


Auch kleine Details erzählen von einer anderen Epoche des Waffenbaus: Das Schaftmagazin bietet Platz für Reservepatronen. Die Abzüge sind mit einer Umschaltung verbunden, der vordere Abzug verfügt über einen französischen Stecher. Für Mischkulnig sind es genau diese handwerklichen Feinheiten, die einen alten Färler so besonders machen. Allerdings warnt er davor, sich beim Kauf ausschließlich vom schönen Äußeren beeindrucken zu lassen.


Entscheidend seien der technische Zustand, eine einwandfreie Verriegelung, unbeschädigte Laufverbindungen sowie die Funktion von Abzügen und Sicherung. Auch verdeckte Korrosion könne bei einer äußerlich gepflegten Waffe zum Problem werden. Eine fachkundige Prüfung und ein Probeschießen sind deshalb besonders wichtig.




Wer baut heute noch Ferlacher Drillinge?


Die Zeiten, in denen Ferlacher Drillinge in größeren Stückzahlen produziert wurden, sind vorbei. Heute entstehen solche Waffen überwiegend als aufwendige Einzelstücke und Sonderanfertigungen. Dennoch haben einige Manufakturen die Tradition bewahrt.


Ludwig Borovnik

Die Ferlacher Manufaktur führt weiterhin einen Bockdrilling in ihrem Programm. Als mögliche Kaliberkombination nennt Borovnik 20/76, 7 × 65 R und .22 Hornet. Die Modelle verbinden klassische Bauweise mit individuell gestalteten Schäften und Gravuren.


Herbert Scheiring

Das Unternehmen bietet unter anderem Doppelbüchsdrillinge und Triumph-Bockdrillinge an. Charakteristisch ist der hauseigene Blockverschluss. Laut Hersteller werden Drillinge heute vor allem auf besonderen Kundenwunsch beziehungsweise für Sammler gefertigt.


Johann Fanzoj

Die traditionsreiche Manufaktur ist für außergewöhnliche Einzelanfertigungen bekannt. Zu ihren Arbeiten gehören auch Kugeldrillinge und Schienendrillinge.


Hambrusch

Auch der Name Hambrusch gehört untrennbar zur Ferlacher Büchsenmachergeschichte. Das Unternehmen ist für individuell gefertigte Jagdwaffen und historische Büchsdrillingskonstruktionen bekannt.


Gemeinsam haben diese Meisterbetriebe, dass sie nicht mehr mit der industriellen Serienfertigung konkurrieren wollen. Ihre Stärke liegt in der Individualität, im handwerklichen Können und in der Möglichkeit, außergewöhnliche Jagdwaffen nach Kundenwunsch zu fertigen.



Was kostet ein Ferlacher Drilling heute?


Damit stellt sich eine interessante Frage: Welchen Wert besitzen diese Waffen eigentlich noch? Die Antwort hängt stark von Hersteller, Erhaltungszustand, Bauart, Gravur, Kaliberkombination und technischer Funktion ab.


David Mischkulnig nennt für den getesteten Franz Sodia aus dem Jahr 1972 einen Verkaufspreis von etwa 4000 bis 5000 Euro. Angesichts des hervorragenden Erhaltungszustandes und der überzeugenden Schussleistung ist das für ihn durchaus ein bemerkenswertes Preis-Leistungs-Verhältnis.


Ein vergleichbar aufwendig neu gefertigter Triumphdrilling aus einer renommierten Manufaktur könnte seiner Einschätzung nach hingegen 30.000 bis 40.000 Euro oder mehr kosten. Bei besonders exklusiven Einzelanfertigungen sind noch höhere Preise möglich.



Eine Jagdwaffe für Generationen


Aber hat der klassische Drilling angesichts moderner Repetierbüchsen, Wechselkalibersysteme und hochpräziser Optik überhaupt noch eine Zukunft? Aus rein praktischer Sicht muss man zugeben, dass seine komplizierte Mechanik, die Abstimmung der Läufe und sein gewöhnungsbedürftiges Bedienkonzept Nachteile mit sich bringen.


Doch wer einen Ferlacher Drilling nur nach technischen Daten beurteilt, wird seinem besonderen Charakter kaum gerecht. Ein Franz Sodia aus dem Jahr 1972 ist heute weit mehr als eine alte Jagdwaffe. Er ist ein Stück österreichischer Handwerksgeschichte, geschaffen von Menschen, die wussten, wie man aus Stahl, Holz und jahrzehntelanger Erfahrung etwas Bleibendes entstehen lässt.









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