top of page

Villacher Bezirksjägertag: Zwischen Zahlen, Verantwortung und Realität

  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit
Villacher Bezirksjägertag im Kultursaal in Arnoldstein.
Villacher Bezirksjägertag im Kultursaal in Arnoldstein.


Der Kultursaal in Arnoldstein war gut gefüllt. Jäger, Funktionäre, Förster, Bürgermeister und Delegierte kamen zusammen, um Bilanz zu ziehen. Doch der Villacher Bezirksjägertag war weit mehr als ein Pflichttermin im Vereinsjahr. Er war ein Lagebericht über den Zustand der Jagd – und über die Herausforderungen, die auf die Jägerschaft in Kärnten zukommen.


Gleich zu Beginn spannte Kärntens Landesforstdirektor Christian Matitz den großen Bogen. Klimawandel, Windwurf, veränderte Vegetation, steigender Nutzungsdruck und Wildverbiss greifen immer stärker ineinander. Der Wald, so die klare Botschaft, verändert sich – und damit auch die Anforderungen an die Jagd.


Es gibt schon genügend Gebiete, wo man tatsächlich damit Probleme hat“, stellte Matitz fest. Zwar würden schneearme Winter die Wildschäden-Situation teilweise entspannen, doch das sei nur eine Momentaufnahme. „Wenn strenge Winter kommen, dann gibt es Konzentrationen – und dann gibt es Probleme“, sagte er mit Blick auf Rotwild, Fütterungen und damit verbundene Schadensbilder im Wald.


Matitz ließ keinen Zweifel daran, dass sich Entwicklungen nicht isoliert betrachten lassen. Auch der Goldschakal, dessen Ausbreitung in Südösterreich zunehmend beobachtet wird, wurde von ihm thematisiert. Ebenso die veränderten Lebensräume des Wildes, die sich aus wärmeren Temperaturen, mehr Deckung und einer anderen Vegetationsstruktur ergeben.



Bezirksjägermeister legt die Zahlen offen


Bezirksjägermeister Wolfgang Oswald
Bezirksjägermeister Wolfgang Oswald

Den inhaltlichen Kern der Tagung lieferte der langjährige und erfahrene Bezirksjägermeister Wolfgang Oswald. Sein Bericht war detailliert, vielschichtig und vor allem eines: eine schonungslose Bestandsaufnahme.


Beim Rotwild zeigte Oswald, dass die vielfach diskutierten neuen Abschussmodelle bisher weder zu den befürchteten Verwerfungen noch zu einer grundlegenden Verbesserung geführt haben. „Die Gesamtbetrachtung zeigt keine wesentliche Veränderung“, sagte er. Die Zahlen bewegten sich auf ähnlichem Niveau, größere Ausschläge seien ausgeblieben. Dennoch sei das kein Grund zur Entwarnung.


Denn hinter der scheinbaren Stabilität liegen strukturelle Probleme. Oswald machte deutlich, dass die Bejagung nach wie vor zu stark auf Hirsche ausgerichtet ist. Zwar werde mehr Kahlwild erlegt, um Abschüsse bei Hirschen freizubekommen, doch das gewünschte Verhältnis zwischen Hirschen, Tieren und Kälbern sei noch längst nicht erreicht. Auch der Anteil älterer Hirsche bleibe hinter den Zielen zurück.


Die Jägerschaft, so Oswald, gehe mit dem neuen Modell vorsichtig um. Die Freigaben würden nicht blind ausgeschöpft, sondern vielfach mit Bedacht genutzt. Genau darin liege zwar ein Vorteil, gleichzeitig bleibe aber die entscheidende Frage offen: Wie kommt man zu einer wirklich ausgewogenen Rotwildstruktur?


Das Rehwild hat sein Verhalten verändert, weil der Wald attraktiver geworden ist.
Das Rehwild hat sein Verhalten verändert, weil der Wald attraktiver geworden ist.

Besonders deutlich wurde Oswald beim Rehwild. Hier sprach er von einem echten Problemfeld. Vor allem beim Kitzabschuss gebe es seit Jahren massive Defizite. „Beim Kitzabschuss haben wir ein deutliches Manko“, sagte er. Die Folgen seien erheblich: Jahr für Jahr bleiben Hunderte Stück im Plan unerfüllt, der Bestand baut Reserven auf, die sich in Summe deutlich bemerkbar machen.


Oswald rechnete vor, dass beim Rehwild die Planerfüllung teils deutlich unter dem Soll liegt und sich gerade beim Nachwuchs eine massive Lücke auftut. In manchen Jahren seien über 400 Kitze nicht erlegt worden. Über längere Zeiträume summiere sich das auf erhebliche Zahlen. Dass manche Stimmen trotzdem von einem Rückgang des Rehwildes sprechen, ließ Oswald so nicht gelten. „Es reicht nicht zu sagen, ich habe kein Reh gesehen – also gibt es keine“, hielt er fest.


Gerade darin liege eines der zentralen Missverständnisse moderner Jagdpraxis. Das Reh sei nicht verschwunden – es habe sein Verhalten verändert. Der Wald sei attraktiver geworden, dichter Unterwuchs biete mehr Einstand, während landwirtschaftliche Flächen an Attraktivität verloren hätten. Dazu kämen veränderte Bewirtschaftungsformen, häufigeres Mähen und zunehmender Störungsdruck. Wer heute Rehwild jagen wolle, müsse daher anders denken als noch vor zehn oder zwanzig Jahren.


Oswald appellierte deshalb an die Reviere, sich intensiv mit ihren Beständen auseinanderzusetzen, Reviergänge zu machen, Verbissbilder genauer anzuschauen und den Wald nicht nur jagdlich, sondern auch waldbaulich zu lesen. Auch jagdlich brauche es Anpassung: weniger starre Eigenregeln, mehr Flexibilität, andere Jagdzeiten, mehr Präsenz im Wald. Die klassische Feldjagd verliere an Bedeutung, die Waldjagd werde wichtiger.



Gams, Schwarzwild & Co.: differenziertes Bild


Auch andere Wildarten nahm Oswald in seinem Bericht unter die Lupe. Beim Gamswild sei die Situation insgesamt stabil, allerdings gebe es auch hier bei Altersklassen und Geschlechterverhältnissen Themen, die genauer beobachtet werden müssten. Für den Herbst kündigte er eine weitere Gamswildzählung an und betonte, dass Monitoring und Zählungen künftig ernster genommen werden müssten.


Beim Schwarzwild sei die befürchtete Explosion der Bestände bislang ausgeblieben. Die Zahlen bewegen sich laut Oswald auf verträglichem Niveau, dennoch warnte er eindringlich vor der Afrikanischen Schweinepest. Hier brauche es größte Aufmerksamkeit, sauberes Verhalten, Hygiene und rasches Reagieren bei Verdachtsfällen.


Das Muffelwild im Bezirk Villach beschrieb Oswald als stark rückläufig. Die Restbestände seien klein, teilweise nur mehr rudimentär vorhanden.



Monitoring als Überlebensfrage


Wie ein roter Faden zog sich durch Oswalds Bericht das Thema Monitoring. Seine Botschaft war unmissverständlich: Ohne Daten wird es künftig keine glaubwürdige Jagdpolitik mehr geben.


Wir brauchen diese Daten, damit wir unsere Jagd erhalten“, betonte er. Gemeint sind Sichtmeldungen, DNA-Proben, Losungen, Rissdokumentationen und Populationsdaten. Gerade bei Wolf, Goldschakal oder anderen sensiblen Arten werde es immer wichtiger, Entwicklungen belastbar nachweisen zu können – gegenüber Behörden, Politik und EU.


Oswald machte klar, dass Jagd heute längst nicht mehr nur im Revier entschieden wird. Sie müsse sich fachlich und rechtlich behaupten können. Wer Bestandsregulierung wolle, müsse auch sauber dokumentieren, wie Bestände aussehen, wo sich Arten ausbreiten und welche Entwicklung tatsächlich stattfindet.



Rechtlicher Druck wächst


Dass die Rahmenbedingungen komplexer werden, machte Mario Deutschmann, Verwaltungsdirektor der Kärntner Jägerschaft, deutlich. Neue gesetzliche Vorgaben – vor allem im Waffenrecht – verlangen mehr Sorgfalt, mehr Klarheit und mehr Formalität.


Deutschmann sprach über strengere Regelungen bei Besitz, Transport und Zugang zu Waffen, über neue Pflichten innerhalb von Familien und über die Konsequenzen bei Verstößen. Gleichzeitig verwies er auf den zunehmenden Druck von außen – durch Anzeigen, juristische Auseinandersetzungen und die schärfere Beobachtung jagdlicher Praxis.


Auch beim Goldschakal und beim Wolf verwies Deutschmann auf die wachsende Bedeutung von Daten und Nachweisen. Nur wer Monitoring ernst nehme, werde in Zukunft auch jagdpolitisch argumentieren können.



Zusammenarbeit statt Grabenkämpfe


Die fachlich äußerst kompetente und sympathische Landesjägermeister-Stellvertreterin Elisabeth Schaschl
Die fachlich äußerst kompetente und sympathische Landesjägermeister-Stellvertreterin Elisabeth Schaschl

Elisabeth Schaschl, Landesjägermeister-Stellvertreterin, richtete den Blick auf das große Ganze. „Bauern, Jäger – wir haben die gleichen Herausforderungen“, sagte sie. Klimawandel, Naturschutz, Freizeitdruck und Waldumbau betreffen alle. Der Forst-Jagd-Dialog, so Schaschl, sei deshalb wichtiger denn je.


Für sie ist klar: Dauerhafte Lösungen lassen sich nur im Miteinander entwickeln. Jagd, Forst und Landwirtschaft müssen einander nicht erklären, warum sie ein Problem haben – sondern gemeinsam Antworten finden. Zugleich verwies Schaschl auf die steigenden Anforderungen in der Ausbildung. Themen wie Ökologie, Naturschutzrecht, Öffentlichkeit und Kommunikation würden immer wichtiger.



Auch das Brauchtum hat seinen Platz


Ferdinand Kinzel, der engagierte Obmann des Chors der Kärntner Jägerschaft
Ferdinand Kinzel, der engagierte Obmann des Chors der Kärntner Jägerschaft

Zwischen all den Zahlen und Analysen bekam auch das jagdliche Brauchtum seinen Platz. Ferdinand Kinzel, Obmann des Chors der Kärntner Jägerschaft, warb engagiert für den Erhalt des Chores und für neue Stimmen.


Seit mehr als 25 Jahren er Teil des jagdlichen Lebens in Kärnten, sagte Kinzel, und fügte an: „Das liegt mir wirklich sehr, sehr am Herzen.“


Gerade solche Momente zeigten, dass Jagd eben nicht nur aus Abschussplänen, Grafiken und Verordnungen besteht, sondern auch aus Gemeinschaft, Tradition und kultureller Identität.



Gold, Silber, Bronze – und ein Lebenswerk


Zum emotionalen Höhepunkt des Nachmittags wurden schließlich die Ehrenzeichen der Kärntner Jägerschaft in Bronze, Silber und Gold verliehen. Gewürdigt wurden verdiente Funktionäre, Revierverantwortliche und Persönlichkeiten, die sich über viele Jahre in den Dienst der Jagd gestellt haben.


Besonders viel Applaus erhielt dabei Hans Ebner, der seit 50 Jahren Jungjäger ausbildet und dafür mit dem goldenen Ehrenzeichen ausgezeichnet wurde. Für viele im Saal ist der Villacher längst eine Institution. Generationen von Jägern haben bei ihm ihre „grüne Matura“ gemacht.


Hans Ebner wurde mit dem goldenen Ehrzeichen der Jägerschaft für sein Lebenswerk geehrt.
Hans Ebner wurde mit dem goldenen Ehrzeichen der Jägerschaft für sein Lebenswerk geehrt.

Ebner selbst sprach mit jener Mischung aus Bescheidenheit und Leidenschaft, die große Lebensleistungen oft begleitet. „Ich liebe die Jagd und den Jagdkurs“, sagte er. In diesen wenigen Worten lag ein halbes Jahrhundert Engagement.


Seine Ausführungen zeigten, wie stark sich die Jagdausbildung in dieser Zeit verändert hat: von klassischer Wissensvermittlung hin zu einer modernen Ausbildung mit Wildbiologie, Naturschutz, Wildbrethygiene und heute sogar digitalen Formaten wie Livestream und YouTube. Und doch, so wurde bei Ebner spürbar, ist der Kern derselbe geblieben: Wissen weitergeben, Verantwortung vermitteln, Haltung formen.


Gerade deshalb war seine Auszeichnung mehr als eine Ehrung. Sie war die Würdigung eines Lebenswerks. Denn wer 50 Jahre lang Jungjäger ausbildet, prägt nicht nur Menschen – er prägt die Jagd selbst.


Verdiente Funktionäre wurden beim Villacher Bezirksjägertag ausgezeichnet.
Verdiente Funktionäre wurden beim Villacher Bezirksjägertag ausgezeichnet.

Klare Botschaft aus Arnoldstein


Der Bezirksjägertag in Arnoldstein zeichnete ein realistisches Bild der Gegenwart: Die Jagd befindet sich im Wandel. Die Anforderungen steigen, die Spielräume werden enger, die Verantwortung wächst. Gleichzeitig zeigte der Nachmittag aber auch, dass die Jägerschaft bereit ist, sich diesen Herausforderungen zu stellen – mit Zahlen, mit Fachwissen, mit Diskussion und mit dem Willen zur Weiterentwicklung.


Die Botschaft aus Arnoldstein war klar: Anpassung ist für die Jagd längst keine Option mehr. Sie ist Voraussetzung.


Kommentare


bottom of page