Blattzeit: Warum ich an meiner eigenen Ungeduld gescheitert bin
- vor 20 Stunden
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Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeite ich im Mediengeschäft. Dort zählt oft nur eines: schneller sein als die anderen. Die nächste Geschichte, die nächste Schlagzeile, der nächste Erfolg. Immer höher, immer weiter. Genau dieses Denken hat mich auch diesmal wieder auf den Hochsitz begleitet. Und genau dort hat es mir die Blattzeit gnadenlos vor Augen geführt.
Denn bei der Jagd lässt sich nichts erzwingen.
Ich war kaum am Platz angekommen. Doch statt der Natur Zeit zu geben, begann ich bereits zu blatten. Erst vorsichtig, dann immer aggressiver. Ich wollte den Bock in Bewegung bringen. Ihn möglichst schnell zum Springen verleiten. Irgendetwas musste doch passieren.
Es passierte auch etwas. Der Bock antwortete. Doch anstatt neugierig auf die freie Fläche zu ziehen, blieb er im Wald. Einmal hinter einer Fichte, dann wieder hinter einer Staude. Ich hörte ihn, ich ahnte ihn – aber ich sah ihn nie richtig. Nicht, weil er besonders schlau war. Sondern weil ich ihm keine Chance gegeben hatte, aus eigenem Antrieb zu kommen. Ich hatte ihm meine Geschwindigkeit aufgezwungen. Und genau das war mein Fehler.
Im Nachhinein wurde mir klar: Hätte ich einfach zehn oder fünfzehn Minuten länger gewartet, die Umgebung beobachtet, die Stille wirken lassen und erst dann vorsichtig geblattet, wäre die Geschichte vielleicht anders ausgegangen.
Vielleicht auch nicht.
Aber ich hätte im Rhythmus der Natur gejagt – und nicht in meinem eigenen.
Später sprach ich mit unserer Psychologin Nika über diese Situation. Sie musste schmunzeln. “Demut”, sagte sie. “Du kannst die Jagd nicht verbiegen. Du kannst den Rehbock nicht zwingen. Die Natur hat ihr eigenes Tempo. Respektiere es.”
Ein Satz, der weit über die Jagd hinausgeht. Vielleicht ist genau das die größte Lektion der Blattzeit. Sie zeigt uns nicht nur, wie ein Rehbock denkt. Sie zeigt uns auch, wie wir selbst ticken. Wie schwer es uns fällt, einfach nur zu warten. Zu beobachten. Nichts zu tun.
Dabei entstehen oft genau in diesen stillen Momenten die schönsten Begegnungen. Die Jagd verlangt keine Hektik. Sie verlangt Aufmerksamkeit. Und manchmal ist der größte Jagderfolg nicht der erlegte Bock, sondern die Erkenntnis, dass man wieder ein Stück Demut gelernt hat. Denn die Natur lässt sich nicht antreiben, aber Sie belohnt jene, die bereit sind, ihr Tempo anzunehmen.