Heiligenblut: Österreichs Vorbild für modernes Wildtiermanagement
- 12. Juli
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Wer Steinwild in Österreich in freier Wildbahn beobachten will, kommt an den Hohen Tauern kaum vorbei. Rund um den Großglockner lebt eine der bedeutendsten Steinwildpopulationen Österreichs. Doch was für Wanderer und Naturfotografen ein beeindruckendes Schauspiel ist, bedeutet für Jäger, Wildbiologen und Steinwildhüter eine ganzjährige Verantwortung. Denn die Zukunft des “Königs der Felsen” entscheidet sich nicht während weniger Jagdtage, sondern durch konsequentes Monitoring, wissenschaftliche Begleitung und eine außergewöhnliche Zusammenarbeit über Revier- und Landesgrenzen hinweg.

Genau dafür steht die Steinwild-Hegegemeinschaft Großglockner-Heiligenblut, die seit Jahrzehnten als Vorbild gilt. "Steinwild ist in Kärnten grundsätzlich ganzjährig geschont – und das soll auch so bleiben”, betont Markus Lackner, Geschäftsführer der Steinwild-Hegegemeinschaft Großglockner-Heiligenblut, Hegeringleiter und Steinwildreferent der Kärntner Jägerschaft im Gespräch mit dem "Schuss & Stille"-Team.
Reguläre Jagdzeiten gibt es daher nicht. Lediglich alle zwei Jahre beantragt die Steinwild Hegegemeinschaft Großglockner Heiligenblut bei der Kärntner Landesregierung um eine Ausnahmebewilligung von den Schonvorschriften an. Ausnahmegenehmigungen für streng kontrollierte, regulierende Eingriffe. Dabei geht es nicht um Trophäen. "Unser Ziel ist es, Krankheiten vorzubeugen, insbesondere der Räude, und gleichzeitig eine gesunde Alters- und Bestandsstruktur zu erhalten", so Lackner.
Die Räude veränderte den gesamten Bestand
Wie notwendig dieses Management geworden ist, zeigte die Räudewelle, die im Jahr 2015 ihren Ausgang nahm. Sie machte auch nicht an Landesgrenzen Halt. Die Krankheit wanderte von Salzburg über Kärnten bis nach Tirol und wieder zurück. Gerade die länderübergreifende Wanderbewegung des Steinwildes machte eine koordinierte Bekämpfung notwendig.
Allein auf Kärntner Seite konnten seitdem 67 verendete oder eindeutig an Räude verendete Tiere dokumentiert werden. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch deutlich höher liegen.Lackner: "Viele Tiere verschwinden im unwegsamen Gelände. Die Dunkelziffer kennen wir nicht."
Drei Steinwildhüter beobachten das ganze Jahr
Damit Eingriffe überhaupt wissenschaftlich begründet werden können, läuft in Heiligenblut praktisch das ganze Jahr über ein engmaschiges Monitoring. Drei ehrenamtliche Steinwildhüter sind regelmäßig im Gebirge unterwegs. Sie dokumentieren Reviergänge, beobachten einzelne Rudel und liefern laufend Daten über Altersstruktur, Gesundheitszustand und Wanderbewegungen. Rund 340 Reviergänge kommen dabei jährlich alleine bei der Steinwild Hegegemeinschaft Großglockner Heiligenblut zusammen.
Hinzu kommen die wissenschaftlichen Untersuchungen von Wildbiologen sowie regelmäßige Zählungen. Nur diese Daten bilden letztlich die Grundlage für mögliche Ausnahmegenehmigungen.
Gerade darin sieht Lackner den größten Vorteil der Hegegemeinschaft. Nicht der Zufall entscheidet darüber, welches Stück entnommen wird. Alle Maßnahmen werden gemeinsam abgestimmt: “Es kann nicht sein, dass jemand einmal Steinwild sieht und einfach ein Tier entnimmt.”
Stattdessen fließen Beobachtungen der Hüter, wissenschaftliche Erkenntnisse, Telemetriedaten und Bestandszählungen in jede Entscheidung ein.
Telemetrie zeigt riesige Streifgebiete

Wie weit Steinwild tatsächlich unterwegs ist, zeigte ein besendeter Steinbock eindrucksvoll. Sein dokumentiertes Streifgebiet umfasste rund 14.000 Hektar. Damit wurde einmal mehr bestätigt, dass Steinwild Reviergrenzen praktisch nicht kennt. Gerade deshalb funktioniere die Bewirtschaftung nur gemeinsam.
Nach den Räude-Verlusten der vergangenen Jahre gibt es inzwischen erste positive Signale. Bei der Frühjahrszählung am 13. Juni 2026 konnten 25 Steinwild-Kitze bestätigt werden. Für Lackner ein wichtiges Zeichen. “Jetzt wollen wir diese Entwicklung nicht gleich wieder bremsen.” Deshalb werden in den kommenden Jahren vor allem die mittleren und älteren Böcke geschont, um die natürliche Altersstruktur wieder aufzubauen.
Regulierende Eingriffe sollen sich – wenn überhaupt – auf nicht führende, alte Geißen oder einzelne Jungtiere beschränken. Eines bleibt jedoch tabu: “Eine führende Geiß wird bei uns grundsätzlich nicht erlegt.”

Forschung liefert immer neue Erkenntnisse
Die Arbeit endet längst nicht bei der Bestandszählung. Von jedem bestätigten Fall werden Organ-, Haut- und Gewebeproben entnommen. Gemeinsam mit Forschungseinrichtungen werden Krankheiten systematisch untersucht.
Dabei geht es längst nicht nur um Räude. So konnten in den vergangenen Jahren unter anderem der Rote Magenwurm sowie hohe Anteile sogenannter Lungenwurmlarven-Träger nachgewiesen werden.
Die Auswertungen zeigen: 2025 wurden 15 Steinwild-Proben und 99 Gamswild-Proben ausgewertet (länderübergreifend). Im Durchschnitt waren 57 Prozent der untersuchten Steinwildstücke Milbenträger. Beim Gamswild lag der Anteil bei rund 40 Prozent.
Die Parasiten allein lösen zwar noch keine Räude aus, schwächen jedoch die Tiere erheblich und können den Krankheitsverlauf entscheidend beeinflussen.
Bleifreie Munition als Konsequenz
Bereits vor vielen Jahren zog die Hegegemeinschaft auch bei der Munition Konsequenzen. Auslöser war Bartgeier "Glocknerlady", der nach der Freilassung am Großglockner an einer Bleivergiftung erkrankte, weil das Weibchen kleinste Bleireste aus einem Aufbruch aufgenommen hatte.
Seitdem setzt man bei regulierenden Eingriffen konsequent auf bleifreie Jagdmunition. “Die Wirkung passt. Für uns war die Umstellung die richtige Entscheidung", so Lackner, der selbst auf das Barnes LRX Geschoss setzt - seit mittlerweile 25 Jahren.
Ehrliche Bergjagd statt Technik

Auch bei technischen Hilfsmitteln bleibt man bewusst zurückhaltend. Wärmebildkameras spielen in der Steinwildbewirtschaftung kaum eine Rolle. Lackner: “Wir kennen unsere Tiere und ihre Einstandsgebiete. Entscheidend bleibt das Fernglas und die eigene Beobachtung.”
Für Lackner gehört genau das zum Wesen der Bergjagd. Wer Steinwild bejagen oder betreuen wolle, brauche Kondition, Zeit und Leidenschaft für das Gebirge.
Modell für ganz Österreich?
Für Lackner ist der eigentliche Erfolgsfaktor jedoch ein anderer. Nicht Abschüsse. Nicht Jagd. Sondern Zusammenarbeit.
Hegegemeinschaften ermöglichen gemeinsame Zählungen, abgestimmte Entscheidungen und ein lückenloses Monitoring über mehrere Reviere hinweg.
Gerade bei Wildarten, deren Lebensräume weit über einzelne Jagdgrenzen hinausreichen, sieht er darin ein Modell mit Zukunft. “Wer sich intensiv mit einer Wildart beschäftigt, gewinnt laufend neue Erkenntnisse. Genau dieses Wissen bringt am Ende den größten Nutzen für das Wild", so der erfahrene Jäger und Weidmann.
Denn am Großglockner zeigt sich eindrucksvoll, dass moderner Wildtierschutz und verantwortungsvolle Jagd längst keine Gegensätze mehr sind – sondern sich gegenseitig ergänzen. Genau deshalb gilt die Steinwild-Hegegemeinschaft Großglockner-Heiligenblut heute als eines der wichtigsten Vorzeigeprojekte für nachhaltiges Wildtiermanagement im Alpenraum.



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