Der Berg frisst mit: Warum der Fels über das Alter der Gams entscheidet
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Mehr als 31.000 erlegte Gams, zwölf Jagdjahre und 28 Jagdgebiete: Eine neue wissenschaftliche Untersuchung aus den Alpen zeigt einen bislang wenig beachteten Zusammenhang. Je nachdem, auf welchem geologischen Untergrund Gamswild lebt, nutzen sich seine Zähne unterschiedlich schnell ab – und damit können sich auch Alterung, Körperkondition und Populationsdynamik verändern. Für die Jagd ist das mehr als eine akademische Erkenntnis.
Wer seit Jahrzehnten Gams jagt, kennt die klassischen Faktoren, mit denen wir einen Bestand beurteilen. Winterhärte, Äsungsangebot, Wilddichte, Krankheiten, Konkurrenz, Geschlechterverhältnis oder die Altersstruktur gehören dazu. Auch der Klimawandel rückt zunehmend in den Mittelpunkt.
Doch ausgerechnet ein Faktor, auf dem die Gams ihr gesamtes Leben verbringt, wird dabei kaum beachtet: der Berg selbst.
Nicht seine Steilheit. Nicht seine Höhe. Sondern sein Gestein.
Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung der italienischen Wissenschaftler Roberta Chirichella und Marco Apollonio zeigt, dass der geologische Untergrund mitbestimmen könnte, wie schnell eine Gams körperlich altert. Und die entscheidende Verbindung zwischen Fels und Lebensdauer findet sich dort, wo sie wohl die wenigsten Jäger vermuten würden: im Gebiss.
Mehr als 31.000 erlegte Gams untersucht
Die Dimension des Datensatzes ist bemerkenswert. Die Wissenschaftler analysierten Daten von mehr als 31.000 Alpengams aus den zentralen und östlichen Alpen Italiens. Die Tiere waren während zwölf aufeinanderfolgenden Jagdsaisonen zwischen 2010 und 2021 in insgesamt 28 Jagdbezirken regulär erlegt worden.
Bei 29.855 Gams standen unter anderem Alter und aufgebrochenes Körpergewicht zur Verfügung. Zusätzlich wurden bei 596 Unterkiefern die Backenzähne genauer vermessen. Von besonderem Interesse war der erste Molar – jener Zahn also, der über Jahre hinweg einen erheblichen Teil der mechanischen Arbeit beim Zerkleinern der Äsung leisten muss.
Die Jagd lieferte damit gewissermaßen das Archiv für eine Untersuchung, die im lebenden Bestand in dieser Größenordnung kaum durchführbar wäre.
Die Wissenschaftler teilten die Lebensräume nach ihrem geologischen Untergrund ein: Kalkgestein auf der einen, silikatische beziehungsweise metamorphe Gesteine auf der anderen Seite. Und dabei zeigte sich ein bemerkenswertes Muster.
Gams im Feld der Hohen Tauern (li.) und in den nördlichen Kalkalpen (re.).
Wissenswert: Kalkgestein, silikatische und metamorphe Gesteine – einfach erklärt
Kalkgestein besteht überwiegend aus Calciumcarbonat und prägt viele bekannte Gebirgsstöcke der Alpen. Typische Beispiele sind Dachstein, Hochschwab, Karwendel oder die Julischen Alpen. Kalkberge erkennt man oft an hellen, schroffen Felswänden, Karstflächen und Höhlen. Typische Gesteine sind Kalkstein und Dolomit.
Silikatische Gesteine enthalten einen hohen Anteil an Silikatmineralen. Dazu gehören etwa Granit, Gneis, Quarzit oder Glimmerschiefer. Solche Gesteine finden sich vor allem in großen Teilen der Zentralalpen, etwa in den Ötztaler Alpen, der Silvretta, den Zillertaler Alpen sowie in Teilen der Hohen und Niederen Tauern. Sie bilden meist andere, häufig eher saure Böden als Kalkgestein – und damit auch eine andere Vegetation.
Metamorphe Gesteine sind Gesteine, die tief in der Erdkruste durch hohen Druck und hohe Temperaturen umgewandelt wurden. Typische Beispiele sind Gneis, Glimmerschiefer, Quarzit oder Marmor. Große Bereiche der Hohen und Niederen Tauern, der Ötztaler Alpen, der Koralpe oder der Kreuzeckgruppe bestehen aus solchen umgewandelten Gesteinen.
Wichtig: „silikatisch“ und „metamorph“ sind keine Gegensätze. Ein Gneis oder Glimmerschiefer kann gleichzeitig metamorph und silikatisch sein.
Auf Kalk nutzen sich die Zähne langsamer ab
Bei gleich alten Gams desselben Geschlechts waren die Backenzähne auf kalkhaltigem Untergrund im Durchschnitt weniger stark abgenutzt als jene von Tieren aus silikatischen oder metamorphen Gebieten.
Der Grund dürfte allerdings nicht darin liegen, dass eine Gams auf Kalk automatisch „bessere Zähne“ bekommt. Vielmehr verändert die Geologie den Boden – und der Boden wiederum die Pflanzenwelt.
Auf silikatischen und metamorphen Böden wachsen nach Darstellung der Forscher Pflanzenbestände, die teilweise mehr sogenannte Opalsilica enthalten und mechanisch widerstandsfähiger sind. Gleichzeitig wird deren Futterqualität als geringer beschrieben. Die Gams muss also über Jahre Äsung verarbeiten, die ihre Mahlzähne stärker beanspruchen kann.
Auf kalkhaltigem Untergrund fanden die Forscher hingegen einen langsameren Zahnverschleiß. Das klingt zunächst nach einem kleinen anatomischen Detail. Für eine alte Gams kann es jedoch über ihre Zukunft entscheiden.
Wenn der erste Molar am Ende ist
Denn irgendwann ist ein Zahn nicht einfach nur alt – er verliert seine Funktion. Genau hier liegt eine der interessantesten Erkenntnisse der Untersuchung. Der deutliche körperliche Abbau setzte bei den untersuchten Gams ungefähr dann ein, wenn der erste Molar weitgehend beziehungsweise vollständig abgenutzt war.
Die Folge: Die Tiere konnten offenbar weniger effizient Äsung aufnehmen und verwerten. Die Körpermasse begann abzufallen. Damit bekommt der Satz „eine alte Gams“ eine zusätzliche Dimension.
Das Lebensalter allein beschreibt ihren körperlichen Zustand möglicherweise nur unzureichend. Zwei Gams können gleich alt sein und dennoch biologisch in einer völlig unterschiedlichen Situation stehen – abhängig davon, wie stark ihr Gebiss bereits verschlissen ist. Und dieser Verschleiß wiederum hängt zumindest teilweise davon ab, wo diese Gams ihr Leben verbracht hat.

Böcke altern früher
Für Gamsjäger ebenfalls höchst interessant ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern. Die Wissenschaftler stellten fest, dass bei Böcken der körperliche Altersabbau früher einsetzte als bei Geißen.
Auf kalkhaltigem Untergrund zeigte sich der entsprechende Rückgang der Körpermasse bei Böcken etwa ab dem elften Lebensjahr, bei Geißen hingegen erst um das 16. Lebensjahr.
Auf silikatischem oder metamorphem Untergrund verschob sich diese Grenze nach vorne: ungefähr neun Jahre bei Böcken und 13 Jahre bei Geißen. Das sind erhebliche Unterschiede.
Die Forscher führen das unter anderem auf die unterschiedliche Lebensstrategie der Geschlechter zurück. Ein alter Gamsbock zahlt Jahr für Jahr einen hohen Preis für die Brunft. Er muss während der guten Monate Reserven aufbauen und verbraucht einen erheblichen Teil davon ausgerechnet zu Beginn jener Jahreszeit, in der Nahrungsangebot und klimatische Bedingungen zunehmend schwieriger werden.
Geißen investieren ebenfalls enorme Energie in Fortpflanzung und Nachwuchs. Dieses Investment verteilt sich aber anders über das Jahr. Die Daten bestätigen damit etwas, das erfahrene Gamsjäger aus dem Revier kennen: Ein alter Bock kann körperlich innerhalb relativ kurzer Zeit deutlich abbauen. Die Studie zeigt nun, dass dabei möglicherweise auch der Zustand seines Gebisses eine zentrale Rolle spielt.
Nicht jede Zehnjährige ist biologisch gleich alt
Genau hier wird die Untersuchung für die Jagdpraxis interessant. Wir ordnen Gams traditionell stark über ihr chronologisches Alter ein. Die Krucken ermöglichen eine für Wildtiere außergewöhnlich gute Altersschätzung. Ein achtjähriger Bock ist acht Jahre alt – unabhängig davon, ob er auf Kalk, Schiefer oder kristallinem Urgestein lebt.
Biologisch muss er deshalb aber nicht denselben Zustand aufweisen. Die neue Studie legt nahe, dass ein Bock auf einem Standort mit stärkerem Zahnverschleiß körperlich früher in die Seneszenz geraten kann als ein gleich alter Bock in einem anderen Lebensraum.
Damit stellt sich eine spannende jagdliche Frage: Sind starre Altersklassengrenzen wirklich in jedem Gamslebensraum gleich sinnvoll?
Die Autoren selbst gehen in diese Richtung. Sie regen an, künftig auch den geologischen Untergrund und den damit verbundenen Zahnverschleiß stärker in das adaptive Management von Gamspopulationen einzubeziehen. Das könnte langfristig Auswirkungen auf die Verteilung von Abschüssen auf Altersklassen und auf Abschussquoten haben.
Wichtig ist allerdings: Daraus lässt sich nicht ableiten, dass nun in Kalkgebieten grundsätzlich ältere und in Silikatgebieten grundsätzlich jüngere Gams erlegt werden sollten. Eine solche pauschale Abschussregel hat die Untersuchung weder getestet noch entwickelt. Sie liefert vielmehr einen neuen Baustein, um lokale Gamspopulationen besser zu verstehen.
Der Blick in den Gamsäser könnte wichtiger werden

Für die jagdliche Praxis steckt darin noch eine zweite interessante Konsequenz. Der Unterkiefer einer erlegten Gams könnte wesentlich mehr über einen Bestand erzählen, als wir ihm bislang zugestehen. Krucken werden vermessen. Alter wird festgestellt. Gewicht wird dokumentiert. Teilweise werden auch Körper- und Gesundheitsdaten gesammelt.
Der systematisch erfasste Zahnverschleiß könnte diese Daten künftig ergänzen. Wenn über Jahre hinweg bekannt wäre, in welchem Alter die Mahlzähne einer Population bestimmte Verschleißstadien erreichen und wann gleichzeitig die Körpergewichte älterer Tiere einbrechen, ließe sich womöglich wesentlich genauer feststellen, wann Gams in einem bestimmten Lebensraum tatsächlich biologisch alt werden.
Nicht nach Lehrbuch. Sondern in genau diesem Gebirge. Das wäre echtes adaptives Wildtiermanagement.
Schwerer heißt nicht automatisch besser
Interessant ist dabei eine weitere Feinheit der Studie, die vor vorschnellen Interpretationen schützt. Vor Beginn der Seneszenz waren Gams auf kalkhaltigem Untergrund nicht grundsätzlich schwerer. Im untersuchten Material lagen die Körpergewichte vor dem Altersabbau dort sogar niedriger als in den zusammengefassten silikatischen und metamorphen Gebieten. Der entscheidende Punkt lautet deshalb nicht: Kalk produziert die stärkeren oder schwereren Gams.
Der Unterschied liegt vielmehr darin, wie schnell der funktionelle Verschleiß fortschreitet und wann der altersbedingte körperliche Abbau beginnt. Das ist jagdlich eine wichtige Unterscheidung. Körpergewicht allein erzählt eben nicht die ganze Geschichte eines Bestandes.
Der Berg prägt die Gams ein Leben lang

Gamswild gehört zu jenen Wildarten, bei denen der Lebensraum besonders unmittelbar sichtbar wird. Eine Gams aus einem schroffen Kalkstock lebt anders als eine Gams zwischen dunklen kristallinen Karen, Latschenfeldern und alpinen Rasen.
Dass diese Unterschiede bis in den Verschleiß einzelner Backenzähne reichen können, verleiht dem Begriff Standortqualität eine neue Dimension. Der Berg bestimmt, welche Pflanzen wachsen.Die Pflanzen bestimmen, was die Gams über Jahre kaut.Und wie stark sich ihre Zähne dabei abnutzen, kann irgendwann darüber entscheiden, wie effizient sie noch Nahrung aufnehmen kann.
Am Ende steht eine Erkenntnis, die für Gamsjäger eigentlich sehr vertraut klingt: Man kann Gamswild nicht losgelöst von seinem Berg verstehen. Nur reicht der Einfluss des Berges offenbar noch weiter, als wir bisher angenommen haben. Vielleicht entscheidet sich das Alter einer Gams eben nicht nur an harten Wintern, der Brunft, Krankheiten oder dem Jagddruck. Sondern Tag für Tag, Bissen für Bissen – auf dem Fels, auf dem sie lebt.



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