Sauen auf der Alm: Wie Wildschweine Österreichs Berge umpflügen
- vor 16 Stunden
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Beim Schwarzwild denken viele zuerst an milchreifen Mais, an nächtliche Kirrungen und an Rotten, die ganze Felder verwüsten. In den österreichischen Alpen spielt sich der Konflikt leiser ab – aber nicht weniger eindrucksvoll. Immer öfter werden Almweiden regelrecht umgepflügt. Denn dort oben wartet unter der Grasnarbe etwas, das Wildschweine ausgezeichnet finden können: Wurzeln, Knollen, Rhizome, Würmer und andere energiereiche Nahrung. Und ausgerechnet der Klimawandel erleichtert ihnen den Weg nach oben.
Am Morgen sieht die Alm aus, als wäre in der Nacht jemand mit einer Bodenfräse darübergefahren. Grassoden liegen auf dem Rücken, schwarze Erde kommt zum Vorschein, dazwischen ziehen sich Furchen durch die Weide. Wo am Abend zuvor noch eine geschlossene Grasnarbe war, ist plötzlich ein Acker. Kein Unwetter. Keine Maschine. Schwarzwild.
Für Jäger in Niederösterreich oder im Burgenland ist dieses Bild nichts Außergewöhnliches. Im Lungau, in Kärnten oder anderen alpinen Regionen Österreichs dagegen schon eher. Zumindest war es das bisher.
Österreich ist noch lange kein Schwarzwildland
Ein Blick in die Statistik zeigt zunächst, wie unterschiedlich die Verhältnisse sind. Im Jagdjahr 2024/25 wurden in Österreich 29.052 Stück Schwarzwild erlegt. Bemerkenswert ist jedoch die Verteilung: Allein auf Niederösterreich und das Burgenland entfielen 24.847 Stück – also rund 86 Prozent der gesamten österreichischen Strecke.
Salzburg meldete lediglich 98 Stück, Tirol fünf und Vorarlberg drei. Kärnten kam auf 632 Stück, die Steiermark auf 1.794. Jagdstrecken sind natürlich keine exakten Bestandszahlen. Als Indikator für die räumliche Verteilung sind sie dennoch aufschlussreich.
Zum Vergleich: In Deutschland wurden im Jagdjahr 2024/25 rund 571.000 Wildschweine erlegt – nahezu zwanzigmal so viele wie in Österreich. Und Ungarn? Dort muss man inzwischen genauer hinsehen. Das Land galt jahrzehntelang als klassisches Schwarzwildland, doch die Afrikanische Schweinepest und die damit verbundenen Bekämpfungsmaßnahmen haben die Population massiv reduziert.
Was jedoch bleibt: Österreichs alpine Landesteile sind bislang ausgesprochen dünn mit Schwarzwild besiedelt. Und genau das macht die Entwicklung interessant. Denn aus „kaum vorhanden“ wird mancherorts gerade „regelmäßig vorhanden“.

Der Lungau zeigt, wohin die Reise gehen könnte
Besonders deutlich lässt sich das derzeit in Salzburg beobachten. Die Salzburger Jägerschaft berichtet seit einigen Jahren von zunehmendem Schwarzwild im Lungau. Auf Almflächen seien die Bodenverwundungen bei der Nahrungssuche teilweise massiv; erschwerend komme hinzu, dass Schäden wegen der kurzen Vegetationsperiode in höheren Lagen deutlich langsamer ausheilen.
2025 berichteten Landwirte aus dem Lungau bereits von mehreren starken Rotten. In Kendlbruck, Lessach und Göriach wurden zum Teil massive Flurschäden registriert. Lokal wird inzwischen sogar von mehreren hundert Wildschweinen im Bezirk gesprochen – wobei es sich dabei ausdrücklich um Schätzungen aus der Praxis und nicht um eine wissenschaftliche Bestandserhebung handelt.
Wie ernst die Sache genommen wird, zeigt ein ungewöhnliches Forschungsprojekt: Die Lungauer Jägerschaft begann gemeinsam mit der BOKU, Wildschweine zu besendern. Ursprünglich sollten bis zu 20 Tiere gefangen und ihre Streifgebiete telemetrisch untersucht werden. Bis zum Bezirksjägertag 2025 waren drei Wildschweine mit Sendern ausgestattet worden. Ziel war nicht nur, herauszufinden, wo sich die Sauen im Gebirge bewegen, sondern daraus auch wirksamere Bejagungsstrategien abzuleiten.
Dass man dafür überhaupt Forschungsarbeit benötigt, sagt einiges aus: Über Schwarzwild im klassischen Acker-Wald-Revier wissen wir enorm viel. Über Sauen, die zwischen Bergwald, Alm und Hochlage wechseln, erheblich weniger.
Früher war der Winter die Grenze
Das Wildschwein ist kein Hochgebirgsspezialist. Steinbock und Gams sind physiologisch für das Leben in großer Höhe gebaut – eine Sau nicht.
Die Kärntner Jägerschaft beschreibt den klassischen Lebensraum deshalb als Flachland, Augebiet und Mittelgebirge. In hohen Gebirgslagen könne Schwarzwild wegen des eingeschränkten Nahrungsangebotes nicht dauerhaft leben. Gleichzeitig weist sie aber darauf hin, dass häufigere Buchen- und Eichenmast sowie der Maisanbau die Ausbreitung fördern und Schwarzwild auch in Kärnten zunehme.
Vor allem der Winter setzte dem Schwein lange eine natürliche Grenze. Tiefer Schnee kostet Energie, erschwert Bewegung und versperrt den Zugang zum Boden. Genau diese Grenze wird durch mildere und schneeärmere Winter durchlässiger.
Eine viel zitierte Untersuchung der Vetmeduni Wien konnte anhand europäischer Langzeitdaten zeigen, dass das Wachstum von Wildschweinpopulationen deutlich mit milderen Wintern zusammenhängt. Zusätzlich wirken Mastjahre mit großen Mengen an Bucheckern wie ein Turbo: Mehr Nahrung verbessert Überleben und Reproduktion. Die Forscher kamen deshalb zu dem Schluss, dass der Klimawandel Schwarzwild sowohl unmittelbar über mildere Winter als auch indirekt über das Nahrungsangebot begünstigt.
Für die Alpen ist das entscheidend. Nicht weil das Wildschwein plötzlich zum Hochgebirgstier mutiert. Sondern weil Gebiete, die früher über Monate energetisch unattraktiv oder kaum nutzbar waren, länger zugänglich bleiben.
Was sucht die Sau eigentlich auf der Alm?

Jetzt wird es spannend. Im Ackerrevier ist die Sache relativ einfach. Getreide, Kartoffeln und insbesondere Mais liefern enorme Energiemengen. Steht der Mais in der Milchreife, bekommt das Schwarzwild gleichzeitig Nahrung und Deckung – eine Kombination, die für Landwirte und Jäger gleichermaßen problematisch ist.
Auf 1.600 oder 2.000 Metern steht allerdings meist kein Mais. Warum also wird dort gegraben? Eine Untersuchung aus den französischen Alpen liefert darauf eine erstaunlich klare Antwort. Forscher untersuchten über mehrere Jahre Kot- und Magenproben von Wildschweinen aus Höhenlagen zwischen etwa 600 und 2.400 Metern. Im Durchschnitt bestanden 99 Prozent der untersuchten Nahrung aus pflanzlichem Material.
Den größten Anteil stellten unterirdische Pflanzenteile – vor allem Wurzeln und Knollen beziehungsweise Zwiebel- und Speicherorgane – mit rund 39 Prozent. Noch interessanter wird es mit zunehmender Höhe.
Oberhalb von etwa 1.900 Metern machten Wurzeln und andere unterirdische Pflanzenteile in dieser Untersuchung bis zu 71 Prozent der Nahrung aus. Je weniger Früchte und andere leicht verfügbare Nahrung vorhanden waren, desto stärker verlagerte sich die Nahrungssuche in den Boden. Genau deshalb sieht eine von Schwarzwild besuchte Alm so aus, wie sie aussieht. Die Sau frisst nicht einfach das Gras ab. Sie sucht darunter.
Eine Sau gräbt nicht – sie pflügt
Der Unterschied ist entscheidend. Mit dem Wurf beziehungsweise Gebrech kann Schwarzwild erstaunliche Bodenmengen bewegen. Es schiebt die Grasnarbe hoch, dreht Grassoden um und arbeitet sich systematisch durch Stellen, an denen es Nahrung vermutet.
Ökologisch spricht man deshalb beim Wildschwein sogar von einem „ecosystem engineer“ – einem Tier, das seinen Lebensraum durch seine Aktivität physisch verändert.
Für einen Almbauern klingt „Ökosystem-Ingenieur“ allerdings romantischer, als es in der Praxis aussieht. Denn nach einer solchen Nacht ist nicht nur Gras verschwunden. Es entsteht eine unebene Oberfläche, die Beweidung und maschinelle Bewirtschaftung erschweren kann. Die geschlossene Grasnarbe ist unterbrochen, offene Erde liegt frei und die Futterproduktion sinkt zumindest vorübergehend.
Gerade im Hochgebirge kommt ein weiterer Faktor hinzu: Zeit. Eine Talwiese besitzt eine vergleichsweise lange Vegetationsperiode. Eine Alm auf 1.700 oder 2.000 Metern nicht. Wenn dort im Herbst großflächig umgebrochen wird, bleibt häufig bis zum nächsten Sommer eine sichtbare Wunde zurück.
Neue Forschung zeigt: Ein Schaden kann Jahre nachwirken
Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung aus den östlichen italienischen Voralpen hat genau dieses Problem untersucht. Auf 16 Almbetrieben verglichen Forscher unterschiedliche Methoden zur Wiederherstellung von durch Wildschweine zerstörten Weiden.
Interessant dabei: Einfach gar nichts zu tun war ökologisch keineswegs die schlechteste Variante. Die natürliche Vegetation erholte sich vergleichsweise gut. Landwirtschaftlich war diese Lösung jedoch problematisch. Die Tragfähigkeit der Weiden blieb in den ersten beiden Jahren stärker beeinträchtigt, und der unebene Boden erschwerte weiterhin das Befahren und Beweiden.
Am günstigsten erwies sich in der Gesamtbetrachtung eine mechanische Einebnung beziehungsweise Bearbeitung des aufgeworfenen Bodens ohne anschließende Einsaat fremder Futtergrasmischungen. Dadurch konnte die Produktivität relativ schnell wiederhergestellt werden, ohne die ursprüngliche Vegetation so stark zu verändern wie bei einer intensiven Neuansaat.
Für die Almwirtschaft ist das eine bemerkenswerte Erkenntnis: Der eigentliche Schaden endet nicht unbedingt mit der Nacht, in der die Rotte durchgezogen ist.
Danach beginnt die Reparatur.
Aber ist Wühlen ökologisch grundsätzlich schlecht?
Auch hier lohnt sich ein zweiter Blick. Nicht jede von einer Sau umgedrehte Grassode ist automatisch eine ökologische Katastrophe. In bestimmten brachliegenden oder stark vereinheitlichten Graslandschaften können kleine Bodenstörungen sogar zusätzliche Lebensräume schaffen. Untersuchungen aus Deutschland zeigten auf unbewirtschafteten Kalkmagerrasen nach Wühlaktivität teilweise eine höhere Pflanzenvielfalt. Andere Arbeiten fanden positive Effekte für bestimmte Insektenarten.
Das widerspricht den Erfahrungen der Almbauern nur scheinbar. Entscheidend sind Ort, Intensität und Nutzung. Ein paar offene Bodenstellen in einer nicht mehr bewirtschafteten Fläche können die Strukturvielfalt erhöhen. Eine Rotte, die eine produktive Almweide großflächig umdreht, verursacht dagegen einen realen landwirtschaftlichen Schaden.
Die Dosis macht auch hier das Problem.
Das eigentliche Problem ist nicht eine Sau
Ein einzelner Keiler, der durch ein Gebirgsrevier zieht, verändert noch keine Landschaft. Problematisch wird es, wenn sich reproduzierende Rotten etablieren. Schwarzwild besitzt eine enorme Fortpflanzungsleistung. Gute Nahrungssituationen erhöhen Körperkondition und Reproduktion, und milde Winter verbessern die Überlebenschancen der Jungtiere.
Deshalb können Bestände innerhalb kurzer Zeit deutlich zunehmen. Europaweit gehören Wildschweine inzwischen zu den erfolgreichsten großen Säugetieren überhaupt; eine 2026 veröffentlichte Modellierung schätzt den europäischen Bestand vor der jeweiligen Jagdsaison – je nach Datensatz und Methode – auf insgesamt 13,5 bis 19,6 Millionen Tiere.
Für Österreich bedeutet das nicht, dass demnächst Tausende Sauen über die Baumgrenze ziehen werden. Aber die entscheidende Frage lautet möglicherweise gar nicht: Kann Schwarzwild im Hochgebirge leben? Sondern: Wie häufig muss es das überhaupt?
Eine Rotte kann den Tag geschützt im Bergwald verbringen, nachts Almflächen aufsuchen, einige Kilometer weiterziehen und bei ungünstigem Wetter wieder in tiefere Lagen wechseln. Das Gebirge muss kein ganzjähriger Kernlebensraum sein, um regelmäßig Schäden zu erleben.

Jagdlich eine schwierige neue Aufgabe
Genau darin liegt die Herausforderung für alpine Reviere. Im klassischen Schwarzwildrevier gibt es Erfahrung, Infrastruktur und über Jahre gewachsene Jagdstrategien. Wechsel sind bekannt, Einstände ebenso. Mehrere Reviere stimmen ihre Bejagung aufeinander ab.
Wo Schwarzwild neu auftaucht, fehlt all das.
Hinzu kommt die enorme Mobilität. Im Lungau wird deshalb gerade versucht, über Telemetrie überhaupt erst zu verstehen, welche Räume die Tiere nutzen und wie sie zwischen Tal, Wald und Alm wechseln.
Für die Jagd spricht vieles dafür, früh zu reagieren, anstatt erst dann, wenn sich stabile Rotten etabliert haben. Denn eine gelegentliche Sau ist jagdlich interessant. Eine wachsende Population, die regelmäßig landwirtschaftliche Schäden verursacht, wird sehr schnell zur revierübergreifenden Managementaufgabe. Und wer glaubt, man könne das Problem einfach am nächsten Maisacker lösen, übersieht den entscheidenden Punkt:
In den Bergen braucht Schwarzwild keinen Mais, um satt zu werden. Die Alm selbst kann Nahrung bieten.
Dazu kommt die Schweinepest
2026 besitzt das Thema noch eine zweite Dimension. Österreich ist bislang frei von Afrikanischer Schweinepest. Die AGES stuft das Risiko eines Eintrags allerdings als hoch ein. Im Juli 2026 traten ASP-Fälle bei Wildschweinen unter anderem in Deutschland, Italien, der Slowakei und Ungarn auf. Der der österreichischen Grenze am nächsten gelegene bestätigte Fall lag zuletzt nur rund 98 Kilometer entfernt in Ungarn. Tot aufgefundene Wildschweine müssen in Österreich deshalb gemeldet und auf das Virus untersucht werden.
Auch deshalb ist die Entwicklung der Schwarzwildbestände keine reine Frage von Jagd und Flurschäden. Sie ist längst auch Tierseuchenmanagement.
Das Wildschwein erobert nicht den Gipfel – aber neue Räume
Noch ist Österreich weit davon entfernt, ein Schwarzwildland wie Deutschland zu sein. Und zwischen den Donauauen Niederösterreichs und einer Alm im Lungau liegen jagdlich Welten.
Doch diese Grenze wird unschärfer. Mildere Winter, bessere Überlebenschancen und ein opportunistischer Allesfresser, der seine Ernährung erstaunlich flexibel anpassen kann, sorgen dafür, dass Schwarzwild heute Räume nutzt, in denen es früher zumindest selten war.
Die vielleicht spannendste Erkenntnis liefert dabei die Nahrung selbst. Je höher die Sau kommt, desto wichtiger wird offenbar das, was unter der Alm wächst. In den französischen Alpen bestand oberhalb von 1.900 Metern zeitweise mehr als zwei Drittel der untersuchten Nahrung aus Wurzeln und anderen unterirdischen Pflanzenteilen.
Der Krokus kann dazugehören. Der Regenwurm ebenso. Für das Wildschwein ist das eine Mahlzeit. Für den Almbauern kann danach eine halbe Weide aussehen, als hätte jemand den Pflug angesetzt. Und für die Jägerschaft könnte genau darin eine der bislang unterschätzten Aufgaben der kommenden Jahre liegen.



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