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Kultobjekt Messer: Dem Mythos der Klinge auf der Spur

  • 3. Juni
  • 7 Min. Lesezeit
Erst das Messer machte den Menschen zu einem Erfolgsmodell der Evolution.
Erst das Messer machte den Menschen zu einem Erfolgsmodell der Evolution.

Ein Messer ist mehr als bloßes Schneidwerkzeug. Es ist untrennbar mit der Evolutionsgeschichte des Menschen verbunden und deshalb auch seit jeher ein von Mystik umgebenes Kulturgut. Einer der sich ganz dem Messer und seiner Herstellung verschrieben hat ist der Feldkirchner Thomas Schurian. Er hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht.


von Michael Baumgartner


Die ältesten bekannten Schneidwerkzeuge werden auf ein Alter von ca. 2,5 Millionen Jahre geschätzt und dem Homo habilis, dem geschickten Menschen zugeschrieben. Mit diesen urzeitlichen Artefakten ist der Beginn von menschlicher Technologie und Kultur grundlegend verbunden, denn durch das künstliche Herstellen einer scharf schneidenden Seite von Steinen konnten unsere Vorfahren fehlende Klauen und Reißzähne ersetzen, was die Erschließung neuer, nahrhafterer Eiweißquellen erst möglich machte.


So konnten Beutetiere von nun an mit relativ geringem Aufwand aufgeschnitten und zerwirkt werden. Knochen wurden gespalten um an das nahrhafte Mark zu gelangen. Der Faustkeil ist wohl eines der bekanntesten steinzeitlichen Werkzeuge. Er wurde aus einem Kernstück gefertigt, das je nach vorkommendem Gestein entweder aus Vulkanit oder Quarzit, seltener aus Feuer- oder Hornstein bestand.


Der Gesteinsknollen wurde mit Schlagsteinen auf beiden Seiten bis zur gewünschten Birnenform behauen, wobei meist eine zickzackförmig verlaufende, scharfe Kante entstand deren Schärfe an jene moderner Messer heranreichen konnte. Mit dem Faustkeil entstand ein Universalwerkzeug, das sich hervorragend zum Schneiden, Hacken, Schaben oder Kratzen eignete. Sein Erfinder: Homo erectus, der vor etwa 1,8 Millionen bis vor 200.000 Jahren lebte.


Vor diesem Hintergrund ist das Schweizer Messer weder als eine recht neue, noch als eine rein eidgenössische Erfindung zu betrachten. In der Folge ermöglichte der Faustkeil die Herstellung wirksamerer Distanzwaffen wie Lanzen und Speere, welche sowohl zur Abwehr wilder Tiere und feindlich gesinnter Nachbarn, als auch zum Beutemachen verwendet werden konnten.

 


Erst das Messer machte den Menschen zum erfolgreichen Modell der Evolution

 

Die geistige und körperliche Leistung, welche mit der Herstellung und Nutzung der ersten künstlich geschaffenen Schneidwerkzeuge einherging kompensierte nicht nur die im Vergleich zu Raubtieren vorhandenen, körperlichen Mängel des frühzeitlichen Menschen, sondern sie ermöglichte es unseren Vorfahren erst zu einem effizienten Jäger und damit zu einem erfolgreichen Evolutionsmodell zu werden.


Auch der Übergang von Jäger- und Sammlerkulturen hin zu sesshaften Bauern wurde durch das Messer und seine Weiterentwicklung begünstigt, mehr noch - es stellt als Schlüsselwerkzeug dessen wichtigste Voraussetzung dar. Somit sind diese urzeitlichen Errungenschaften als bedeutendes Bindeglied zwischen den Anfängen der Menschheit und allen späteren zivilisatorischen Erfolgen zu verstehen.


Diese Verbindung wird auch im Wort Messer deutlich, welches vom westgermanischen matizsahsa abgeleitet wird. Darin ist die alte indogermanische Wortwurzel sax versteckt, was ursprünglich Felsen oder Stein bedeutet. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass das Messer zu den wichtigsten Kultur- und Ritualgegenständen gehört. Denn seit jeher haben die Menschen jenen Dingen besondere Aufmerksamkeit gewidmet, mit denen ihre Grundbedürfnisse eng verbunden waren.


Auch in unserer gegenwärtigen Kultur ist noch sehr viel vom Mythos des Messers zu verspüren. Wer als heranwachsender Bub sein erstes eigenes Taschenmesser geschenkt bekommen hat, weiß um die damit verbundenen, mahnenden Worte Vaters und der archaischen Ehrfurcht vor diesem Gegenstand. Während nunmehr 2,5 Millionen Jahre hat die Schneide zunächst aus Stein, dann aus Kupfer und Bronze über Eisen bis hin zum Stahl eine faszinierende Weiterentwicklung durchlaufen, welche auch heute keineswegs als abgeschlossen betrachtet werden kann.


Die immer größer werdenden Anforderungen an die Schneidwerkzeuge machten eine zunehmende Spezialisierung der Herstellung unumgänglich. Wann genau die Fachrichtung Messerschmied erschaffen wurde ist heute nicht mehr exakt nachvollziehbar. Im 14. Jahrhundert gab es jedoch schon mehr als 70 verschiedene Schmiedeberufe und Spezialisierungen.


Die Aufgaben des Messerschmiedes wurden auch während der aufkommenden Industrialisierung ständig erweitert. Neben der Produktion kam das Schleifen und Schärfen stumpfer Werkzeuge wie Kreis- und Bandsägeblätter oder Hobeleisen hinzu. Vor allem während der letzten Dekaden hat die Entwicklung von Schneidwerkzeugen weiter an Fahrt aufgenommen. Für die hauptsächlich maschinelle Fertigung von Messern werden wegen zunehmender Anforderungen der Industrie immer öfter Hightech-Materialien wie polykristalliner Diamant (PKD) oder Cerment verwendet.


Messermacher Thomas Schurian fertigt exklusive Schneidwerkzeuge
Messermacher Thomas Schurian fertigt exklusive Schneidwerkzeuge

 

Handgefertigte Messer erleben trotz industrieller Konkurrenz eine wahre Renaissance


Vor dem Hintergrund dieser Zeitreise kann der Messer- oder Werkzeugmacher wohl als der älteste Handwerksberuf der Welt eingestuft werden. Obwohl es wegen der maschinellen Fertigung in den letzten Jahren schon fast ausgestorben war, erlebt dieses Handwerk in unserer homogenisierten und standardisierten Welt nun eine wahre Renaissance.


Der Österreicher Thomas Schurian ist ein Meister im traditionellen Herstellen scharfer Klingen. „Tatsächlich gibt es eine gestiegene Nachfrage nach handgefertigten Sammler, Jagd- oder auch Taschenmesser“ sagt der Messermacher, der seine Werkstatt in Kärnten hat. Das begünstigte sein selbst gewähltes Berufsbild, denn der gelernte Schlosser- und Schmiedemeister hat seine sichere, gut entlohnte Position als Werksleiter in einer etablierten Schlosserei aufgegeben, um sich seinen beruflichen Traum zu erfüllen. „Ich wusste dass ich dennoch ein beträchtliches Risiko eingehe, wenn ich mich dazu entschließe dieses Handwerk zu meinem Brotberuf zu machen“ führt der Messermacher die Ungewissheiten der jungen Selbständigkeit aus.


Der Wille und das Engagement etwas Besonders zu erschaffen, haben sich für ihn jedoch in kurzer Zeit bezahlt gemacht. Nicht nur einheimische Jäger und Fischer schätzen die Vorteile seiner individuell gefertigten Schneidwerkzeuge. Mittlerweile zählen Jagdverlage, namhafte Waffenhersteller, Industrielle und sogar Mitglieder des arabischen Königshauses zu seinen Kunden.



Thomas Schurian hat durch seine Ausbildung und Praxis in der Metallverarbeitung zweifellos gute fachliche Voraussetzungen für das Handwerk des Messermachers erworben. Doch um Produkte im Spitzensegment produzieren zu können, bedarf es mehr als einem tiefgehenden Wissen über die Beschaffenheit unterschiedlicher Stahlarten.


Als Stahl werden grundsätzlich alle Eisen-Kohlenstoff-Legierungen bezeichnet, deren Kohlenstoffgehalt maximal 2,06 % beträgt und deren Anteil an weiteren Elementen deutlich geringer als der des Eisens ist. Bei der heutigen Vielfalt an Legierungen ist es jedoch schwierig, die optimale Zusammensetzung für sein Messer zu finden.


Deshalb hat der Messermacher gemeinsam mit einem führenden Industriebetrieb einen nach seinen Vorstellungen beschaffenen, korrosionsbeständigen und besonders schnitthaltigen Stahl entwickelt. „Der von uns entwickelte Chrom-Molybdän-Stahl mit Vanadiumzusatz vereint meiner Meinung nach die idealen Eigenschaften und den Anspruch an das Rohmaterial, welche meine Kunden in puncto Schnitthaltigkeit, Bruchfestigkeit und Flexibilität erwarten“ erklärt Schurian und verweist auch auf die Trends in seinem Geschäft.


 So erfreut sich beispielsweise Damaszenerstahl wieder zunehmender Beliebtheit. Die Methode zur Herstellung dieses Werkstoffes wurde wahrscheinlich erstmals im orientalisch-arabischen Raum entwickelt. Namensgebend ist die syrischen Stadt Damaskus, welche einst bedeutender Handelsplatz für Waren aller Art war.


Das Ausgangsmaterial beim Damast sind zwei verschiedene Stahlsorten mit unterschiedlichen Gehalten an Begleitelementen wie Mangan, Silizium, oder Nickel. „Meist kombiniert man eine harte Stahlsorte mit einer weichen. Das Verfahren vereint  die spezifischen Eigenschaften der Werkstoffe  wie Härte oder Zähigkeit“ führt er weiter aus. Dies geschieht durch das sogenannte Falten, bei dem die Metalle in mehreren Schritten miteinander feuerverschweißt werden.


Der Vorteil: das Messer bleibt durch die Härte länger scharf, es bleibt aber Dank der Anteile der weichen Sorte flexibel und kann so nicht brechen. Die durch das Falten entstandenen abwechselnden Lagen werden später durch Ätzen und Polieren sichtbar gemacht. So entsteht die typische, sehr dekorative Damaststruktur.


Je kleiner die Fläche, desto größer der Druck, den das Messer beim Schneiden ausüben kann.
Je kleiner die Fläche, desto größer der Druck, den das Messer beim Schneiden ausüben kann.

Zum technischen Vorgang des Schneidens


Nach der Einführung in seine Entwicklungsarbeit und in die Metallurgie erklärt uns der Messerprofi den physikalischen  Ablauf des Schneidevorgangs. Technisch gesehen handelt es sich beim Messerschnitt um ein spanloses Keilschneiden, bei dem das Schneidgut auseinandergedrückt wird.


Die Hauptkomponente beim Zerteilen eines Stoffs ist der Druck. Ein Messer muss dabei so beschaffen sein, dass die Schneide möglichst dünn ist. „Je kleiner ihre Fläche, desto größer wird der Druck den das Messer beim Schneiden ausüben kann. Die Auflagefläche stumpfer Messer ist zu dick, um mit wenig Energie durch das Schnittgut gleiten zu können“ sagt der Experte. Dringt die harte Klinge in Schnittgut ein, zerstört es an der Schnittstelle die molekulare Struktur dieses Schnittguts. Feste Materie besteht aus eng gepackten Molekülen, die von elektrischen Bindungskräften zusammengehalten werden. Diese wirken jedoch nur auf kurze Distanz.


„Sobald die keilförmige Schneide die Moleküle weit genug auseinandergedrückt hat, werden diese Bindungskräfte zu schwach, und die Moleküle verlieren ihren Zusammenhalt“ erklärt er kompetent und führt uns anschließend in seine Messerschmiede.



Die Schmiede befindet sich in einem umgebauten Stall


In der Schmiede, einem 350 Jahre alten, umgebauten Stallgebäude zeigt er uns zuerst verschiedenste Griffmaterialien. Neben Zirbe, Hirschhorn und Schlangenholz (die härteste Holzart der Welt) werden auch künstliche Materialien wie PVC oder Epoxy zu edlen Griffstücken verarbeitet.


Poröse Materialien wie Schwemmholz, fossile Mooreiche und 40.000 Jahre altes Mammutelfenbein werden vor der Verarbeitung mittels Kunstharz stabilisiert, was die Beständig- und Belastbarkeit in der späteren Verwendung extrem erhöht. Hier bietet Schurian auch Messerbaukurse an.


Während der zwei Kurstage werden zunächst Grundkenntnisse von Metallurgie und Herstellungstechniken vermittelt. Danach entsteht unter seiner Anleitung von der Skizze bis zum Polieren, ein exklusives, handgefertigtes Messer. Die vorgangsweise gleicht jener, welche der Meister für den Bau seiner eigenen Messer anwendet. „Zuerst wird der Funktionszweck definiert. Danach geht es an das Design, ehe die Materialen für Klinge und Griffstück ausgesucht werden“ beschreibt Schurian die ersten Schritte. Im nächsten Schritt wird die Grundform des Messers auf Karton vorgezeichnet.



Die Skizze wird auf den Messerrohling übertragen und anschließend mit der Flex ausgeschnitten. Nach der Entgratung am Bandschleifer wird die Schneide herausgearbeitet. Dann erfolgt die Nachbearbeitung. Nach dem Setzen von Bohrungen wandert das Messer in einen Spezialofen,  wo es je nach Beschaffenheit des ausgewählten Stahls zwischen 830 Grad (rostender Stahl) bis 1.050 Grad (rostfreier Stahl) gehärtet wird.


Anschließend werden Backen und die an die jeweilige Hand angepassten Griffschalen komplettiert. Zum Abschluss wird das scharfe Utensil durch intensives Polieren auch optisch perfektioniert.


Auch Messerschleifkurse werden in Schurians Schmiede abgehalten. An einem Nachmittag können bis zu zehn Personen  das richtige Messerschleifen an einem Naturstein - dem belgischen Brocken - erlernen. Neben einer Einführung in die Metallkunde, werden auch die richtige Lagerung und Pflege von Schneidwerkzeugen thematisiert.



Perfektion & Kreativität sind das Credo seiner Arbeit


Als Perfektionist und leidenschaftlicher Jäger legt Schurian Wert auf die Unverwechselbarkeit und die hohe Qualität seiner Erzeugnisse. Jedes Messer kann nach den Wünschen und speziellen Bedürfnissen des Kunden gefertigt werden. Daher geht der Fertigung ein persönliches Gespräch voraus. Hier werden die Ideen des Kunden mit dem Know-How und der Erfahrung des Messermachers in Einklang gebracht.



„Nur durch die Einbindung der persönlichen Ideen und Wünsche des Kunden kann ein optimales, ein perfektes Ergebnis erzielt werden“ ist Schurian überzeugt. „Als Messermacher ist man aber auch Künstler“ meint er weiter. Denn durch viel Kreativität bei der Auswahl und Kombination der Rohmaterialien sind ihm in puncto Design praktisch keine Grenzen gesetzt. Der Unterschied zur Stangenware wird einem spätestens dann bewusst, wenn man ein Schurian-Messer in der Hand gehabt hat. Auch als Laie spürt man sofort, dass sich Balance, Verarbeitung und Ästhetik deutlich von einem Serienmesser unterscheiden.


„Das verleiht dem Unikat als treuen Begleiter für die Jagd, oder als Kochmesser für den täglichen Gebrauch eine besondere Ausstrahlung“ sagt er selbstbewusst. Denn obwohl in seiner Schmiede auch Sonderanfertigungen für den Wert eines Kleinwagens in Auftrag gegeben werden, betont er deren Alltagstauglichkeit.


„Jedes meiner Messer ist für den Gebrauch gemacht“. Der etwas höhere Preis im Vergleich zu Serienmesser schlägt sich in der höheren Robustheit und Belastbarkeit nieder. Es wäre schade, das volle Potential eines handgefertigten Messers nicht auszuschöpfen.




Über den Autor: Mag. Michael Baumgartner, MBA, lebt in Althofen in Kärnten. Der Bankmanager, Vizebürgermeister, Jagdaufseher und passionierte Jäger beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit den Themen Jagd, Natur und ländliche Lebenswelten. Als Vorsitzender des Ausschusses für Öffentlichkeitsarbeit der Kärntner Jägerschaft setzt er sich für eine moderne und faktenbasierte Vermittlung jagdlicher Inhalte ein.





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