Mehr als Pixel: Interview mit ThermTec-Entwickler über die Zukunft der Jagd
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Die Wärmebildtechnik hat die Jagd in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Was früher dem Zufall oder jahrelanger Erfahrung vorbehalten war, wird heute oft schon auf mehrere hundert Meter sichtbar. Doch wie entstehen moderne Wärmebildgeräte eigentlich? Was passiert zwischen Sensor, Software und dem fertigen Bild im Sucher? Und woran arbeiten die Entwickler hinter den Kulissen?
„Schuss & Stille“ sprach mit Ariel Yang von ThermTec über gescheiterte Prototypen, die größten Missverständnisse rund um Wärmebildtechnik und die Frage, ob moderne Technik Jäger tatsächlich besser macht.
Schuss & Stille: Ariel, wie viele Wildschweine haben Ihre Entwickler eigentlich selbst schon durch Wärmebildgeräte beobachtet?
Ariel: Eine genaue Zahl kann ich nicht nennen. In China ist die Jagd jedoch stark reguliert, weshalb unsere Ingenieure nicht dieselbe praktische Jagderfahrung sammeln können wie Jäger in Europa oder Australien. Deshalb arbeiten wir sehr eng mit professionellen Jägern, Wildtiermanagern, Naturschutzexperten und Einsatzkräften zusammen. Das Feedback aus unterschiedlichen Regionen ist für uns enorm wichtig, weil sich Jagdbedingungen und Wildarten weltweit stark unterscheiden.
Was erkennt ein Entwickler im Wärmebild, das ein Jäger vielleicht übersehen würde?
Moderne Wärmebildtechnik besteht längst nicht mehr nur aus Sensoren. Ein gutes Beispiel ist unsere adaptive AGC-Technologie. Sie passt Kontrast und Verstärkung laufend an. Sehr heiße Bereiche werden kontrolliert heruntergeregelt, während schwache Temperaturunterschiede im Hintergrund sichtbar gemacht werden. Dadurch erkennt der Nutzer Details, die sonst in hellen oder dunklen Bereichen verloren gehen würden.
Europas Jäger als Entwicklungshelfer

Wie läuft die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern?
Sie ist deutlich enger geworden. Früher ging es hauptsächlich um Produkte und Vertrieb. Heute lernen wir direkt von der Praxis. Jagd in Europa ist stark von Erfahrung, Verantwortung und regionalen Traditionen geprägt. Ein österreichischer Bergjäger stellt ganz andere Anforderungen an ein Gerät als ein Schwarzwildjäger in Osteuropa.
Für uns hat diese Zusammenarbeit zwei Seiten: Einerseits verbessern wir Geräte durch direktes Feedback aus dem Revier. Andererseits lernen wir selbst viel darüber, wie erfahrene Jäger Entscheidungen im Gelände treffen. Oft sind kleine Details in der Praxis wichtiger als beeindruckende technische Daten auf dem Papier.
Welche technische Kennzahl wird Ihrer Meinung nach von Jägern überschätzt?
Ganz klar die Sensitivität beziehungsweise der NETD-Wert. Natürlich ist er wichtig, aber er wird häufig als alleiniger Qualitätsmaßstab verwendet. Das tatsächliche Bild entsteht jedoch aus dem Zusammenspiel von Sensor, Objektiv, Display und Software. Ein hervorragender NETD-Wert nützt wenig, wenn die Optik oder die Bildverarbeitung nicht mithalten können.
NETD (Noise Equivalent Temperature Difference)
Der NETD-Wert beschreibt die thermische Empfindlichkeit einer Wärmebildkamera. Vereinfacht gesagt: Er gibt an, wie klein ein Temperaturunterschied sein darf, damit die Kamera ihn noch erkennen kann. Der Wert wird in Millikelvin (mK) angegeben. Je niedriger der NETD-Wert, desto besser.
Stellen Sie sich vor, ein Rehbock hat eine Oberflächentemperatur von 28 °C und der Hintergrund 27,98 °C.
NETD 50 mK (0,05 °C): Der Unterschied ist kaum sichtbar, das Bild wirkt verrauscht.
NETD 20 mK (0,02 °C): Der Unterschied wird klar erkannt, das Wild hebt sich deutlich vom Hintergrund ab.

Sensor oder Software – wer macht das bessere Bild?
Wie groß ist der Einfluss von Hardware und Software auf die Bildqualität?
Vereinfacht gesagt stammen etwa 60 Prozent der Bildqualität vom Sensor und der Wärmebildoptik. Die restlichen 40 Prozent kommen von den Algorithmen und der Bildverarbeitung. Genau dort liegen heute viele Innovationsmöglichkeiten.
Werden Jäger durch moderne Wärmebildtechnik besser?
Ich würde sagen: nicht automatisch besser, aber oft erfolgreicher und sicherer. Die Technik ermöglicht Beobachtungen, die früher kaum möglich waren, besonders nachts. Gleichzeitig haben sich viele Wildtiere angepasst. Schwarzwild tritt heute oft deutlich später aus als noch vor einigen Jahren. Deshalb nutzen mittlerweile auch viele Jäger Wärmebildgeräte, die gar nicht gezielt Schwarzwild bejagen. Sie erhalten einfach einen besseren Überblick über ihr Revier und können Situationen besser einschätzen.
Die größte Illusion aus Hollywood
Welche Funktionen wünschen sich Jäger, die technisch noch immer unmöglich sind?
Viele Menschen kennen Wärmebildtechnik aus Filmen. Dort sieht man durch Wände oder durch ganze Wälder hindurch. Das funktioniert in der Realität natürlich nicht. Wärmebildkameras erfassen lediglich Wärmestrahlung auf sichtbaren Oberflächen. Sie können weder durch Bäume noch durch Gelände oder Mauern sehen. Eine freie Sichtlinie bleibt unverzichtbar.
Wie viele Prototypen schaffen es nie auf den Markt?
Erstaunlich viele. Rund 70 bis 80 Prozent aller frühen Entwicklungsprototypen werden wieder verworfen. Selbst bei bereits funktionsfähigen Alpha- und Beta-Versionen scheitern noch 30 bis 40 Prozent an den Tests. Von zehn komplett neuen Produktplattformen erreichen am Ende meist nur zwei oder drei die Serienproduktion.

Österreich ist nicht Texas
Unterscheiden sich die Wünsche österreichischer und deutscher Jäger von denen in Australien oder den USA?
Absolut. Jagdgesetze, Geländeformen, Wildarten und jagdliche Traditionen unterscheiden sich erheblich. Entsprechend variieren auch die Anforderungen an Wärmebildgeräte. Deshalb entwickeln wir Produkte nicht nur für einen globalen Markt, sondern berücksichtigen regionale Besonderheiten sehr genau.
Entwickeln Sie Geräte unterschiedlich für Bergjäger und Jäger im Flachland?
Ja. Die Herausforderungen könnten kaum unterschiedlicher sein. Im Gebirge spielen große Entfernungen, wechselnde Temperaturen und komplexe Geländestrukturen eine wichtige Rolle. Im Wald stehen dagegen kurze Distanzen, schnelle Zielerfassung und viele Störquellen im Vordergrund. Deshalb passen wir Hardware, Optik und Bildalgorithmen gezielt an unterschiedliche Einsatzbereiche an.
Wohin entwickelt sich die Wärmebildtechnik in den kommenden Jahren?
Wir sehen ganz klar einen Trend zu Dual-Technologie-Systemen. Wärmebild bleibt unverzichtbar, besonders bei Nebel, schlechtem Wetter und für die Detektion auf große Distanzen. Gleichzeitig liefert digitale Optik zusätzliche Details für die sichere Identifikation.
Geräte wie unser Ventus zeigen bereits, wohin die Reise geht: Wärmebild und digitale Technologie werden in einem kompakten System kombiniert. Der Jäger muss künftig nicht mehr mehrere Geräte mitführen, sondern erhält alle relevanten Informationen in einer einzigen Plattform.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview mit Ariel Yang zeigt eindrucksvoll, dass moderne Wärmebildtechnik weit mehr ist als Sensorauflösung und Datenblätter. Hinter jedem Gerät stehen jahrelange Entwicklungsarbeit, unzählige verworfene Prototypen und ein ständiger Austausch mit Jägern aus aller Welt.
Und die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Nicht die Technik entscheidet über den Jagderfolg, sondern der Mensch hinter dem Gerät. Wärmebildkameras liefern Informationen.
Die Verantwortung für deren richtige Interpretation bleibt auch künftig beim Jäger.