Murmeltierjagd: Was der Jäger heute über das Mankei wissen sollte

Wenn der Herbst in die Hochlagen zieht, werden die Tage für das Murmeltier kürzer. Jetzt muss noch einmal Äsung aufgenommen und Fett für den langen Winter gebunkert werden. Gleichzeitig läuft in Teilen Österreichs noch die Jagd. Neue Studien zeigen: Wer Murmeltiere nachhaltig bejagen will, sollte genauer hinschauen. Denn Familienverband, Jagddruck, Hitze und selbst die Art der Bestandszählung spielen eine größere Rolle, als man bisher angenommen hat.
Ein Pfiff. Dann ist Ruhe.
Wer schon einmal auf Murmeltiere gejagt hat, kennt diesen Moment. Eben waren noch drei oder vier Stück draußen, plötzlich ist die Alm wie leergefegt. Nur irgendwo vor einem Bau sitzt noch ein aufmerksames Tier, hebt immer wieder den Kopf und sichert.
Die Murmeltierjagd wirkt auf den ersten Blick einfach. Ansitzen, beobachten, ein passendes Stück auswählen. Wer sich aber länger mit den Tieren beschäftigt, merkt schnell: So einfach ist es nicht.
Denn das Alpenmurmeltier lebt nicht als Einzelgänger auf der Alm. Es lebt in Familien, kennt seinen Bau, kennt Gefahren – und offenbar auch uns Jäger besser, als manche denken.
Gerade neue Forschungsarbeiten der vergangenen Jahre liefern dazu überraschende Erkenntnisse.
Im Herbst geht es ums Überleben

Das Murmeltier hat nur wenige Monate Zeit, um alles zu erledigen. Nach dem Erwachen aus dem Winterschlaf beginnt praktisch sofort das Rennen gegen die Zeit: fressen, Junge großziehen, Fettreserven aufbauen und den Bau für den nächsten Winter vorbereiten.
Denn sobald die Familie wieder einfährt, wird monatelang nichts aufgenommen. Das Tier lebt von dem, was es sich im Sommer und Frühherbst angefressen hat. Deshalb sieht man Murmeltiere im September oft ausgesprochen intensiv äsen. Für sie geht es jetzt buchstäblich um jedes Gramm Reserve.
In Kärnten und Salzburg reicht die Jagdmöglichkeit bis 15. Oktober; ab 16. Oktober gilt Schonzeit. Die Jagdzeiten unterscheiden sich allerdings von Bundesland zu Bundesland. Gerade die späte Jagd fällt in eine sensible Phase des Jahres. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine geregelte Murmeltierjagd grundsätzlich problematisch wäre. Aber es erklärt, warum Bestand, Familienstruktur und die Wahl des Stückes wichtiger sind als eine bloße Zahl im Abschussplan.
Das Murmeltier weiß offenbar, wo gejagt wird
Eine besonders interessante Studie für Jäger erschien 2026. Forscher untersuchten Murmeltiere in Norditalien sowohl in bejagten als auch in nicht bejagten Gebieten. Sie wollten wissen, wie früh die Tiere vor einem sich nähernden Menschen flüchten. Das Ergebnis dürfte viele Berufs- und Bergjäger kaum überraschen:
Wo gejagt wird, sind Murmeltiere vorsichtiger.
In nicht bejagten Gebieten ließen die Tiere Menschen deutlich näher herankommen. In Jagdgebieten reagierten sie früher und suchten schneller den Bau auf. Bemerkenswert: Die normale Freizeitnutzung durch Wanderer erklärte diesen Unterschied wesentlich schlechter als die Jagd selbst.
Für uns Jäger ist das spannend. Jeder kennt Almen, auf denen sich Murmeltiere wenige Meter neben einem Wanderweg sonnen und scheinbar kaum Notiz von Menschen nehmen. Einige Kilometer weiter verschwindet das erste Stück bereits, wenn irgendwo am Hang eine menschliche Silhouette auftaucht.
Die Forschung bestätigt nun: Murmeltier ist nicht gleich Murmeltier. Die Tiere lernen offenbar aus den Erfahrungen ihres Lebensraumes.
Und noch etwas ist interessant: In der Studie waren Murmeltiere in Jagdgebieten auch außerhalb der eigentlichen Jagdzeit vorsichtiger. Der Jagddruck scheint das Verhalten also längerfristig zu prägen.
Für den Jäger heißt das: mehr beobachten
Genau deshalb beginnt gute Murmeltierjagd nicht erst an jenem Tag, an dem die Büchse mit auf die Alm kommt. Wer ein Revier kennt, sollte bereits vorher wissen: Wie viele Baue sind besetzt? Wie viele Familien leben dort? Wo sind Jungtiere? Welche Stücke erscheinen regelmäßig? Gibt es Bereiche, in denen Familien verschwunden oder deutlich kleiner geworden sind?

Wir zählen weniger Murmeltiere, als tatsächlich da sind
2025 untersuchten Wissenschaftler im Nationalpark Stilfserjoch, wie zuverlässig Murmeltiere überhaupt gezählt werden können. Über acht Jahre hinweg verglichen sie einfache Beobachtungen mit deutlich aufwendigeren wissenschaftlichen Methoden, bei denen einzelne Tiere markiert und wiedererkannt wurden.
Dabei zeigte sich ein Problem, das jeder Murmeltierjäger kennt: Ein Tier, das man nicht sieht, muss deshalb noch lange nicht fehlen. Murmeltiere verbringen einen erheblichen Teil des Tages im Bau. Wetter, Temperatur, Störung und Tageszeit entscheiden mit darüber, wie viele Tiere gerade draußen sitzen.
Die einfache Beobachtung kann deshalb den tatsächlichen Bestand deutlich unterschätzen. Gleichzeitig zeigte die Untersuchung etwas sehr Praktisches: Wiederholt man die Zählungen unter vergleichbaren Bedingungen, lassen sich Bestandsentwicklungen trotzdem gut erkennen. Die Forscher arbeiteten mit sechs Beobachtungsdurchgängen pro Jahr.
Für die Jagdpraxis bedeutet das: Eine einzige Zählung ist keine Bestandsaufnahme. Nur weil man an einem Nachmittag sechs Murmeltiere sieht, leben dort nicht sechs. Und nur weil an einem nebligen Morgen kaum ein Tier draußen ist, ist die Kolonie nicht verschwunden. Viel aussagekräftiger ist es, immer wieder dieselben Bereiche vom gleichen Standort aus zu beobachten. Das ist klassische Revierkenntnis – nur wissenschaftlich bestätigt.
Eine Familie ist mehr als eine Ansammlung von Murmeltieren

Noch spannender wird es beim Sozialverhalten. Alpenmurmeltiere leben in Familienverbänden. Meist gibt es ein dominantes Paar, dazu Jungtiere und Tiere aus früheren Jahrgängen. Diese älteren Tiere sind keineswegs bloß zusätzliche Mäuler. Eine 2025 veröffentlichte Studie zeigte, dass gut funktionierende Familienverbände eng mit dem Fortpflanzungserfolg zusammenhängen. Dominante Weibchen, die sozial besonders gut in ihre Familie eingebunden waren und viele Kontakte innerhalb der Gruppe hatten, zogen tendenziell erfolgreicher Nachwuchs auf. Auch die Größe der Gruppe spielte eine Rolle.
Für den Jäger ist das ein wichtiger Gedanke: Nicht allein die Zahl der Murmeltiere entscheidet darüber, wie gut eine Kolonie dasteht. Entscheidend ist auch, wie sie zusammengesetzt ist.
Eine große, stabile Familie mit mehreren Jahrgängen ist biologisch etwas anderes als eine Gruppe aus wenigen Einzelstücken. Gerade deshalb sollte man nicht nur zählen, sondern beobachten. Wer über Wochen draußen ist, erkennt irgendwann, welche Tiere zusammengehören, wo die Jungen sitzen und welche Baue regelmäßig genutzt werden.
Das macht die Murmeltierjagd anspruchsvoller – aber auch interessanter.
Der Winter wird gemeinsam überstanden
Die Familie ist auch unter der Erde entscheidend. Murmeltiere verbringen den Winter gemeinsam im Bau. Dabei profitieren besonders junge Tiere von den älteren Familienmitgliedern. Die Gruppe hilft, Wärmeverluste zu begrenzen.
Das ist einer der Gründe, weshalb Eingriffe in eine Murmeltierfamilie nicht ausschließlich als Entnahme eines einzelnen Stückes betrachtet werden sollten. Man muss die gesamte Kolonie im Blick behalten.
Daraus lässt sich nicht ableiten, dass bestimmte Altersklassen grundsätzlich niemals bejagt werden dürften. Dafür sind Lebensraum, Populationsgröße und regionale Situation zu unterschiedlich. Aber es spricht sehr deutlich für das, was gute Jagd ohnehin ausmacht:
erst ansprechen, dann entscheiden.
Hitze wird zum neuen Faktor auf der Alm
Für eine Tierart, die perfekt an kalte Hochlagen angepasst ist, wird auch der Klimawandel zunehmend interessant. Eine ganz neue Studie aus dem Jahr 2026 beobachtete 14 Murmeltierfamilien und mehr als 600 soziale Kontakte.
Dabei zeigte sich: Mit zunehmender Wärme verändert sich das Verhalten. Besonders das Spielen der jungen Murmeltiere nahm bei höheren Temperaturen deutlich ab. Die höchste Spielaktivität lag bei rund 13 Grad. Oberhalb von etwa 21 Grad wurde dieses Verhalten beinahe vollständig eingestellt
Für einen Jäger mag das zunächst wenig spektakulär klingen. Es hat aber einen ganz praktischen Hintergrund. Wird es auf einer Alm zu heiß, ziehen sich Murmeltiere früher in ihre Baue zurück. Damit verlieren sie Zeit, in der sie äsen, soziale Kontakte pflegen und Junge lernen können.
Wer im Hochsommer Murmeltiere beobachtet, kennt das ohnehin: An kühlen Morgen und am späteren Nachmittag kann die Alm voller Leben sein. Zur heißen Mittagszeit scheint sie dagegen ausgestorben. Die Forschung zeigt inzwischen, dass solche Hitzeperioden mehr sind als eine kurzfristige Unannehmlichkeit.
Auch der Jagddruck lässt sich bald messen

Interessant ist auch eine Forschungsarbeit aus dem Jahr 2025. Wissenschaftler haben eine Methode überprüft, mit der sich Stresshormone beziehungsweise deren Stoffwechselprodukte im Kot von wild lebenden Murmeltieren messen lassen.
Damit können Forscher künftig feststellen, ob und wie stark bestimmte Einflüsse – etwa Freizeitnutzung oder andere menschliche Störungen – die Tiere tatsächlich physiologisch belasten, ohne sie dafür erneut fangen zu müssen. Für die Jagd könnte das langfristig ausgesprochen spannend werden. Denn bisher sehen wir hauptsächlich die Reaktion eines Murmeltiers: Es sichert, pfeift, fährt ein.
Künftig lässt sich womöglich besser beurteilen, wie stark unterschiedliche Formen menschlicher Nutzung die Tiere tatsächlich belasten. Gerade auf stark touristisch genutzten Almen wäre das eine wichtige Information.
Wanderer sind nicht automatisch das Problem
Auch hier lohnt sich ein genauer Blick. Die bereits erwähnte Untersuchung zum Fluchtverhalten fand keinen einfachen Zusammenhang nach dem Motto: viele Wanderer gleich scheue Murmeltiere. Im Gegenteil: Die Jagd war der deutlichere Faktor für die unterschiedliche Fluchtdistanz.
Auch das deckt sich mit vielen Beobachtungen aus der Praxis. Murmeltiere können sich erstaunlich stark an regelmäßige, vorhersehbare menschliche Nutzung gewöhnen. Ein Wanderer auf einem Weg kann etwas völlig anderes bedeuten als eine Person, die quer über den Hang auf den Bau zukommt. Das Tier liest seine Umgebung sehr genau. Vielleicht genauer, als wir lange angenommen haben.
Was wir Jäger daraus mitnehmen können
Die neuen Arbeiten stellen die Murmeltierjagd nicht grundsätzlich infrage. Sie machen aber deutlich, dass eine nachhaltige Bejagung mehr verlangt als einen erfüllten Abschussplan. Der wichtigste Punkt ist die Kenntnis der Kolonie. Ein Jäger sollte nicht nur wissen, wie viele Stücke er irgendwann gesehen hat.
Interessanter ist: Wie entwickelt sich die Familie über mehrere Jahre? Gibt es Nachwuchs? Werden alte Baue noch genutzt? Sind mehrere Altersklassen vorhanden? Haben sich Verhaltensweisen geändert? Gibt es starken Tourismus? War der Sommer außergewöhnlich heiß? Wie verlief der vergangene Winter? Das alles ergibt gemeinsam ein Bild. Und genau dieses Bild sollte vor dem Schuss stehen.
Die schönste Murmeltierjagd beginnt mit dem Fernglas
Vielleicht passt kaum eine Jagdart besser zur Philosophie von Schuss & Stille. Man sitzt lange am Hang. Man beobachtet. Man beginnt einzelne Tiere auseinanderzuhalten. Man sieht Junge spielen, hört Warnpfiffe und entdeckt irgendwann Baue, die man vorher hundertmal übersehen hat.
Und je länger man schaut, desto weniger wird das Murmeltier zu einem kleinen braunen Punkt auf der Alm.
Die neue Forschung bestätigt vieles, was erfahrene Bergjäger seit Jahrzehnten wissen: Eine Murmeltierkolonie muss man kennenlernen. Denn nicht jedes Tier, das heute nicht draußen sitzt, ist verschwunden. Nicht jede große Kolonie ist automatisch stabil. Und nicht jede Entnahme hat in jeder Familie dieselbe Bedeutung.
Murmeltierjagd beginnt nicht beim Schuss – sondern beim Beobachten. Wer seine Kolonien kennt, Familien unterscheiden kann und die Entwicklung über Jahre verfolgt, besitzt jene Information, die keine Abschussliste ersetzen kann. Und vielleicht ist genau das der besondere Reiz dieser alten Jagd in den Alpen: Man muss zuerst lernen, hinzuschauen.



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