Gamsbrunft: Warum alte Böcke wichtiger sind, als viele Jäger glauben

Wenn im November die Gamsbrunft beginnt, wird es unruhig in den Bergen. Alte Böcke tauchen plötzlich aus der Deckung auf, Rivalen jagen einander über steile Felsflanken und die Fortpflanzung verlangt den Tieren einiges ab. Neue wissenschaftliche Studien zeigen, wie sehr die Brunft an den Kräften zehrt, weshalb erfahrene Böcke bei der Paarung im Vorteil sein können und was das für die Gamsjagd bedeutet. Dazu kommen neue Erkenntnisse über den Einfluss des Klimawandels auf unsere Gamsbestände.
Wer regelmäßig im Gamsrevier unterwegs ist, kennt das Phänomen. Während des Sommers bekommt man manche alte Böcke kaum zu Gesicht. Sie verbringen ihre Tage oft abseits der Geißrudel, stehen in unzugänglichen Einständen und sind mitunter ausgesprochen heimlich. Doch im November ändert sich das Bild.
Mit Beginn der Brunft suchen die Böcke die Nähe der Geißen. Sie kontrollieren Rudel, verfolgen paarungsbereite Tiere und vertreiben Konkurrenten. Was sich dabei in steilen Felsflanken abspielt, kann spektakulär sein. Rasante Verfolgungsjagden, Drohgebärden und gelegentliche Kämpfe gehören zum Brunftgeschehen.
Für uns Jäger beginnt damit eine der spannendsten Zeiten im Gamsrevier. Gerade jetzt lassen sich Böcke beobachten, die man zuvor vielleicht monatelang nicht gesehen hat.
Doch die Brunft ist nicht nur ein faszinierendes Naturschauspiel. Sie gibt auch Einblick in die Altersstruktur eines Bestandes und in das Verhalten der Böcke. Und die Wissenschaft hat dazu einige interessante Erkenntnisse geliefert.
Alte Böcke haben bei Fortpflanzung die besseren Karten

Eine Frage beschäftigt Gamsjäger seit Generationen: Welche Böcke kommen bei der Fortpflanzung tatsächlich zum Zug? Sind es die stärksten? Die ältesten? Oder haben auch junge Böcke eine realistische Chance?
Eine italienische Forschergruppe um Luca Corlatti ging dieser Frage mithilfe genetischer Vaterschaftsanalysen nach. Die Untersuchung lieferte ein bemerkenswertes Ergebnis: Unter den erfolgreich zugeordneten Vätern fanden sich ausschließlich Böcke, die mindestens sechs Jahre alt waren.
Außerdem waren territoriale Böcke bei der Fortpflanzung erfolgreicher als nicht territoriale Artgenossen. Allerdings gelang es auch ihnen nicht, sämtliche Paarungen zu kontrollieren, weshalb die Wissenschaftler ausdrücklich darauf weisen, dass wegen der geringen Zahl erfolgreicher Vaterschaftszuordnungen keine allgemeingültigen Schlüsse gezogen werden dürfen. Das Ergebnis bedeutet also keineswegs, dass jüngere Gamsböcke grundsätzlich keinen Nachwuchs zeugen können.
Für die Jagd ist die Untersuchung dennoch interessant. Sie zeigt, dass Alter, Erfahrung und Verhalten bei der Fortpflanzung eine Rolle spielen und die Stärke der Krucke allein wenig über den tatsächlichen Fortpflanzungserfolg aussagt. Ein alter Gamsbock ist deshalb nicht automatisch ein Bock, der seine biologische Aufgabe bereits erfüllt hat. Gerade ein erfahrener, körperlich fitter Bock kann noch erfolgreich an der Brunft teilnehmen.
Während der Brunft bleibt kaum Zeit zum Äsen
Wie anstrengend die Gamsbrunft tatsächlich ist, zeigt eine Untersuchung der Schweizer Wissenschaftler Christian Willisch und Paul Ingold. Die Forscher untersuchten das Verhalten von acht mit Sendern ausgestatteten Gamsböcken vor, während und nach der Brunft.
Das Ergebnis ist erstaunlich.
Während die Böcke vor der Brunft im Durchschnitt rund achteinhalb Stunden täglich ästen, waren es während der Brunft nur noch knapp 54 Minuten. Bemerkenswert ist aber auch eine zweite Erkenntnis: Die Böcke lagen während der Brunft weiterhin rund 13 Stunden täglich. Sie verbrachten also keineswegs ihre gesamte Zeit damit, Konkurrenten hinterherzujagen.
Die Wissenschaftler interpretieren dieses Verhalten als eine Strategie, Energie zu sparen. Die Böcke reduzieren ihre Nahrungsaufnahme drastisch und passen ihre übrige Aktivität an die Anforderungen der Fortpflanzung an.
Für die Jagd bedeutet das vor allem eines: Der körperliche Zustand eines Bockes muss während und nach der Brunft unter anderen Voraussetzungen beurteilt werden als im Sommer. Ein während der Brunft stark abgekommener Bock ist nicht zwangsläufig krank. Er kann schlicht einen erheblichen Teil seiner Reserven in die Fortpflanzung investiert haben.
Warum die Altersstruktur jagdlich wichtig ist
Die Gamsjagd ist in Österreich traditionell stark von der Einteilung in Altersklassen geprägt. Das Ansprechen eines Bockes, das richtige Einschätzen des Alters und die Beurteilung der Krucke gehören zum Handwerk eines erfahrenen Gamsjägers. Doch die wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass hinter der Altersstruktur mehr steckt als die Frage nach einer möglichst starken Trophäe.
Bei der Brunft spielen unterschiedliche Strategien eine Rolle. Manche Böcke besetzen und verteidigen Territorien. Andere versuchen, durch ihre Bewegungen zwischen Geißrudeln zu Paarungsmöglichkeiten zu kommen. Alter und Erfahrung können darüber mitentscheiden, welche Strategie ein Bock verfolgt und wie erfolgreich er damit ist.
Werden in einem Bestand viele ältere Böcke entnommen, verändert sich zwangsläufig die Zusammensetzung der männlichen Altersklassen. Damit können sich auch die Konkurrenzverhältnisse während der Brunft verschieben. Ob sich das unmittelbar auf die Zahl der geborenen Kitze auswirkt, ist allerdings eine andere Frage. Dafür lässt sich aus den bisherigen Untersuchungen keine allgemeingültige Antwort ableiten.
Für uns Jäger heißt das: Nicht jeder alte Bock muss geschont werden. Aber auch nicht jeder alte Bock ist allein wegen seines Alters entbehrlich. Entscheidend bleibt die Situation im jeweiligen Revier. Wie viele Böcke stehen dort? Wie verteilen sich die Altersklassen? Wie entwickeln sich Geiß- und Kitzbestand? Und welche Abschüsse sind notwendig, um die jagdlichen und wildökologischen Ziele zu erreichen?

Die Brunft endet. Der Winter beginnt.
Für Gamsböcke hat die Natur einen denkbar anspruchsvollen Zeitpunkt für die Fortpflanzung gewählt. Im November werden die Tage kürzer, die Temperaturen sinken und die Nahrung wird vielerorts knapper. Während sich andere Wildarten bereits weitgehend auf den Winter eingestellt haben, müssen die Gamsböcke noch einmal erhebliche Energie in die Fortpflanzung investieren.
Nach der Brunft gilt es, mit den verbleibenden Reserven durch den Winter zu kommen. In den darauffolgenden Wochen gewinnt deshalb jede ungestörte Äsungsmöglichkeit an Bedeutung. Hier spielt auch der Mensch eine Rolle. Wiederholte Störungen, etwa durch Freizeitaktivitäten oder unbedachte Jagdausübung, können Fluchtreaktionen auslösen und den Zugang zu geeigneten Äsungsflächen beeinträchtigen. Wie stark sich solche Belastungen tatsächlich auswirken, hängt unter anderem von Gelände, Witterung, Gewöhnung und Häufigkeit der Störungen ab.
Für Gamsjäger ist deshalb nicht allein der Abschuss entscheidend. Ebenso wichtig ist die Frage, wie viel Ruhe dem Wild gerade in der kalten Jahreszeit bleibt.
Neue Studie: Unsere Gämsen werden leichter
Während sich die Brunft seit Jahrtausenden im Rhythmus der Jahreszeiten abspielt, verändern sich die Lebensbedingungen im Hochgebirge. Besonders aufschlussreich ist eine 2024 veröffentlichte Studie aus der Schweiz. Wissenschaftler um Giulia Masoero untersuchten die Körpergewichte von 5635 Gamsjährlingen, die zwischen 1992 und 2018 im Kanton Tessin erlegt worden waren. Dabei stellten sie eine bemerkenswerte Entwicklung fest. Die durchschnittliche Körpermasse der Jährlinge sank in 27 Jahren um 2,9 Kilogramm, während es im selben Zeitraum zu einem Temperaturanstieg von 1,7 Grad Celsius gekommen ist.
Besonders interessant ist der Zeitpunkt, zu dem die Temperaturen eine Rolle spielten. Die Forscher fanden einen starken Zusammenhang zwischen der Wärme während der Setz- und frühen Säugezeit und dem späteren Körpergewicht der jungen Gämsen. Je wärmer es in dieser sensiblen Entwicklungsphase war, desto geringer fiel tendenziell ihre spätere Körpermasse aus. Die Untersuchung zeigt damit einen bedeutenden Zusammenhang zwischen Temperatur und Entwicklung junger Gämsen.
Das bedeutet nicht, dass die Gams überall in den Alpen im selben Ausmaß leichter wird. Die Ergebnisse stammen aus einer bestimmten Schweizer Population. Auch Nahrungsverfügbarkeit, Bestandsdichte und andere Umweltbedingungen können die körperliche Entwicklung beeinflussen.
Dennoch ist die Studie für die Jagd von Bedeutung. Denn wenn sich das Wachstum junger Gämsen verändert, stellt sich langfristig auch die Frage nach ihrer Kondition, ihrer Überlebensfähigkeit und ihrer späteren Fortpflanzung. Für die Gamshege ergibt sich daraus ein zusätzlicher Grund, die Entwicklung der Körpergewichte über viele Jahre zu dokumentieren. Solche Daten können wertvolle Hinweise auf Veränderungen im Lebensraum liefern.

Was bedeutet das für die Gamsjagd?
Die wissenschaftlichen Untersuchungen geben somit keine einfache Anleitung, welche Böcke geschont oder erlegt werden sollten. Dafür unterscheiden sich die Gamsreviere in den Alpen zu stark. Ein Bestand mit einer ausgewogenen Altersstruktur und gutem Nachwuchs stellt andere Anforderungen an die Bewirtschaftung als eine Population, die durch hohe Winterverluste, Lebensraumveränderungen oder einen geringen Kitzanteil belastet ist.
Die Studien liefern aber gute Gründe, bei der Abschussplanung nicht ausschließlich auf Trophäenstärke und Stückzahl zu schauen.
Ein erfahrener Jäger sollte deshalb nicht nur das einzelne Stück beurteilen, sondern auch die Entwicklung des gesamten Bestandes im Auge behalten. Gerade bei der Gamsjagd sind langfristige Revierkenntnis und sorgfältige Beobachtung besonders wertvoll. Wer seine Gämsen über viele Jahre begleitet, erkennt Veränderungen oft früher als jemand, der nur zur Jagdzeit ins Revier kommt.
Und die Brunft bietet dafür eine ausgezeichnete Gelegenheit. Denn jetzt lassen sich nicht nur einzelne starke Böcke beobachten, sondern auch Konkurrenzverhalten, die Verteilung der Altersklassen und die Zusammensetzung der Geißrudel.



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