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Rotwild ist nicht nachtaktiv – wir Jäger haben es dazu gemacht!

vor 5 Stunden
5 Min. Lesezeit
Rotwild, hier zwei junge Hirsche, auf einer Almfläche im am frühen Morgen.
Rotwild, hier zwei junge Hirsche, auf einer Almfläche im am frühen Morgen.

Der Rothirsch gilt als scheuer Waldbewohner, der seine sichere Deckung erst in der Dämmerung verlässt. Doch ist das wirklich sein natürliches Verhalten? Neue wissenschaftliche Studien zeigen, wie stark Jagddruck und Freizeitaktivitäten den Lebensrhythmus unseres Rotwildes verändern. Die Ergebnisse sind bemerkenswert – und sollten auch uns Jäger zum Nachdenken bringen.



Es ist ein Bild, das wohl jeder Rotwildjäger kennt. Die Sonne verschwindet hinter den Bergen, der letzte Lichtstreifen liegt über der Waldwiese. Der Hochsitz ist längst bezogen, das Fernglas griffbereit. Doch vom Rotwild fehlt jede Spur.


Erst wenn das letzte Büchsenlicht schwindet, kommt Bewegung in den Waldrand. Zunächst ein Alttier, dann ein Kalb, schließlich das ganze Rudel. Und während der Jäger langsam zusammenpackt, beginnt für das Rotwild scheinbar erst der Tag.


Wir haben uns an dieses Verhalten gewöhnt. Rotwild ist eben scheu, vorsichtig und überwiegend nachtaktiv. So zumindest die verbreitete Erklärung. Doch was, wenn wir Jäger selbst einen wesentlichen Anteil daran haben, dass sich das Wild so verhält?



Der Rothirsch ist kein reines Nachttier


Junger Hirsch, aufgenommen mit einer Wildkamera mit Blitzlicht, der direkt neben einer viel befahrenen Straße wartet, bis er auf die Äsungsflächen wechselt.
Junger Hirsch, aufgenommen mit einer Wildkamera mit Blitzlicht, der direkt neben einer viel befahrenen Straße wartet, bis er auf die Äsungsflächen wechselt.

Zunächst lohnt sich ein Blick auf die Biologie. Rotwild ist von Natur aus keineswegs ausschließlich nachtaktiv. Die Tiere wechseln innerhalb von 24 Stunden mehrmals zwischen Äsungs-, Wiederkau- und Ruhephasen. Dabei können sie sowohl tagsüber als auch nachts aktiv sein. Besonders ausgeprägt ist die Aktivität häufig in der Morgen- und Abenddämmerung.


Wie sich dieser Rhythmus tatsächlich gestaltet, hängt allerdings nicht nur von der inneren Uhr ab. Jahreszeit, Witterung, Nahrungsangebot, Lebensraum und mögliche Gefahren spielen eine entscheidende Rolle. Und genau hier kommt der Mensch ins Spiel.


Denn ein Rothirsch muss nicht erst selbst beschossen werden, um eine Gefahr zu erkennen. Es genügt, wenn er wiederholt die Erfahrung macht, dass bestimmte Orte oder Tageszeiten mit einem erhöhten Risiko verbunden sind. Das Rotwild lernt. Und es passt sich an.



122 Wildkameras liefern bemerkenswerte Ergebnisse


Wie deutlich diese Anpassung ausfallen kann, zeigt eine 2025 veröffentlichte Untersuchung aus dem Nationalpark Bayerischer Wald. Ein Forschungsteam um Anne Peters und den Wildbiologen Marco Heurich untersuchte dort mithilfe von 122 Wildkameras, wie verschiedene Wildtierarten auf Jagd und Freizeitaktivitäten reagieren.


Die Kameras waren entlang von Wegen sowie abseits davon im Wald installiert. Erfasst wurden unter anderem Rotwild, Rehwild, Schwarzwild, Füchse und Luchse.


Das Ergebnis: Besonders das Rotwild reagierte ausgeprägt auf menschliche Störungen.

Mit steigendem Jagddruck verlagerte es seine Aktivität zunehmend in die Nacht und mied stärker frequentierte Wege. In jagdfreien Bereichen hingegen zeigten sich die Rothirsche deutlich häufiger bei Tageslicht.


Bemerkenswert war außerdem, dass sich der Einfluss der Jagd nicht einfach an der Grenze eines bejagten Gebietes verlor. Auch in benachbarten jagdfreien Bereichen war das Verhalten der Tiere noch davon geprägt. Mit anderen Worten: Der Jagddruck kann weiter wirken, als das eigentliche Jagdgebiet reicht.


Rotwild bei einer Salzlecke.
Rotwild bei einer Salzlecke.


Der Mensch verändert mehr als der Wolf


Noch brisanter sind Ergebnisse einer im Februar 2026 veröffentlichten Studie aus den italienischen Dolomiten. Im Naturpark Paneveggio Pale di San Martino und dessen Umgebung untersuchten Wissenschaftler über fünf aufeinanderfolgende Herbstjagdsaisonen die Aktivität von Rotwild und Wölfen. Dafür werteten sie Wildkameraaufnahmen von 42 Standorten aus, jeweils zur Hälfte in bejagten und jagdfreien Bereichen.


Die Forscher wollten wissen, wie stark natürliche Beutegreifer und menschliche Aktivitäten das Verhalten des Rotwildes beeinflussen. Das überraschende Ergebnis: Jagd und Freizeitnutzung waren mit stärkeren Veränderungen des täglichen Aktivitätsmusters verbunden als die örtliche Wolfsaktivität.


Wo gejagt wurde, registrierten die Wissenschaftler weniger Rotwildaktivität während des Tages. Auch die sonst typischen Aktivitätsspitzen in der Dämmerung waren schwächer ausgeprägt. Intensive Freizeitnutzung verstärkte die nächtliche Aktivität zusätzlich. Das bedeutet keineswegs, dass der Wolf für Rotwild ungefährlich wäre. Wohl aber, dass die Tiere in einer intensiv vom Menschen genutzten Landschaft auf die unterschiedlichen Risiken verschieden reagieren.


Der Wolf ist ein natürlicher Beutegreifer. Der Mensch hingegen schafft oft räumlich und zeitlich recht gut vorhersehbare Gefahren. Und offenbar haben die Rothirsche gelernt, uns besonders wirkungsvoll aus dem Weg zu gehen.



243 besenderte Rothirsche bestätigen das Bild


Zu ähnlichen Erkenntnissen kamen Wissenschaftler bei einer weiteren, 2025 veröffentlichten Studie aus dem Alpenraum. Untersucht wurden die GPS-Bewegungsdaten von 243 Rothirschen aus sechs Studiengebieten in den Zentralalpen.


Tagsüber bevorzugten die Tiere überwiegend Bereiche mit dichterer Baumbedeckung, größerem Abstand zu Wegen und steilerem Gelände. Nachts nutzten sie dagegen häufiger offenere und leichter zugängliche Flächen.


Besonders interessant war der Vergleich mit jagdfreien Schutzgebieten. Dort mussten sich die Rothirsche weniger stark auf vermeintlich sichere Rückzugsräume beschränken. Im Gebiet des Schweizerischen Nationalparks, wo nicht gejagt wird und auch für Besucher klare Regeln gelten, war die ausgeprägte Trennung zwischen Tages- und Nachtlebensräumen deutlich abgeschwächt. Die Forscher folgerten daraus, dass selbst kleinere Jagdruhezonen einen wichtigen Beitrag zu einem natürlicheren Verhalten des Rotwildes leisten können.



Und was bedeutet das für unseren Wald?


Hirsch nachts fotografiert.
Hirsch nachts fotografiert.

Hier wird die Angelegenheit besonders interessant. Denn die nächtliche Lebensweise unseres Rotwildes ist nicht nur eine Frage der Jagdausübung, sondern möglicherweise auch Teil eines forstwirtschaftlichen Problems.


Rotwild braucht Äsung. Wird es tagsüber regelmäßig von offenen Wiesen und anderen geeigneten Nahrungsflächen verdrängt, muss es seinen Bedarf verstärkt in geschützteren Bereichen decken. Dort stehen häufig junge Bäume, Triebe und Rinde zur Verfügung.


Das kann Verbiss und Schälschäden begünstigen – gerade dann, wenn sich größere Rudel wiederholt in denselben Einständen aufhalten. Natürlich wäre es zu einfach, sämtliche Wildschäden allein auf Jagddruck zurückzuführen. Wilddichte, Waldstruktur, Nahrungsangebot und die Jahreszeit spielen ebenfalls eine wesentliche Rolle. Doch eines erscheint nachvollziehbar: Wenn wir das Rotwild durch permanente Beunruhigung in die dichtesten Waldbereiche drängen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn es dort auch äst.


So kann ein Kreislauf entstehen. Wildschäden führen zu höherem Jagddruck. Höherer Jagddruck macht das Wild heimlicher. Und das heimlichere Wild nutzt wiederum verstärkt die Deckung. Ein Problem, das sich mit noch mehr Ansitzstunden nicht zwangsläufig lösen lässt.



Müssen wir deshalb weniger jagen?


Nein. Zumindest wäre das die falsche Schlussfolgerung aus diesen Untersuchungen. Jagd bleibt ein wesentliches Instrument zur Regulierung der Wildbestände und zur Vermeidung übermäßiger Schäden an Wald und Landwirtschaft. Entscheidend ist aber möglicherweise weniger, wie oft gejagt wird, sondern wie die Jagd organisiert ist.


Wer täglich dieselben Wechsel kontrolliert, ständig die Einstände beunruhigt und zu jeder Gelegenheit versucht, Wild zu erlegen, darf sich über zunehmend vorsichtige Tiere nicht wundern.


Ein möglicher Ansatz ist die Intervalljagd: intensive, gut geplante Bejagungsphasen, auf die längere Zeiten echter Jagdruhe folgen. Dazu kommen klar ausgewiesene Ruhezonen, in denen sich das Wild möglichst störungsfrei aufhalten und auch bei Tageslicht äsen kann.


Ebenso wichtig ist die Lenkung der Freizeitnutzung. Denn der Mountainbiker, der quer durch einen Einstand fährt, der Wanderer abseits markierter Wege oder der freilaufende Hund können das Wild ebenfalls empfindlich beunruhigen.


Ruhe muss deshalb gemeinsam mit Grundeigentümern, Forstwirtschaft, Jagd und Tourismus organisiert werden. Und natürlich müssen solche Konzepte an die jeweilige Wilddichte, Lebensraumsituation und die örtlichen gesetzlichen Vorgaben angepasst werden. Eine Patentlösung für jedes Revier gibt es nicht.







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