Noch ist Österreich frei – doch die Schweinepest rückt näher

Österreich ist bislang von der Afrikanischen Schweinepest verschont geblieben. Doch rundherum ist das Virus längst angekommen. Im Sommer lag der nächste bestätigte Fall bei einem Wildschwein nur noch knapp 100 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. Für Jäger bedeutet das: Augen auf im Revier. Denn der erste Hinweis auf einen Ausbruch könnte irgendwo im Wald liegen.
Ein verendetes Wildschwein am Rand einer Dickung. Kein ungewöhnlicher Anblick – könnte man meinen. Verkehrsunfall, Verletzung, Krankheit. Doch genau ein solcher Fund könnte eines Tages der Moment sein, in dem sich für Österreich schlagartig alles ändert.
Denn während hierzulande noch kein Fall der Afrikanischen Schweinepest, kurz ASP, festgestellt wurde, ist das Virus längst in mehreren Nachbarstaaten unterwegs. Die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES stuft das Risiko einer Einschleppung nach Österreich deshalb als hoch ein. Betroffen sind beziehungsweise waren unter anderem Deutschland, Italien, Ungarn und die Slowakei.
Und die Entfernung wird kleiner.
Nur noch 98 Kilometer
Im Juli 2026 wurden laut dem AGES-Tierseuchenradar, das auf Daten des europäischen Meldesystems ADIS basiert, europaweit 420 ASP-Ausbrüche bei Wildschweinen registriert. Allein Italien meldete 121, Ungarn 58, Deutschland 32 und die Slowakei drei Ausbrüche. Der nächstgelegene bestätigte Nachweis bei einem Wildschwein befand sich zu diesem Zeitpunkt in Ungarn – nur rund 98 Kilometer von der österreichischen Staatsgrenze entfernt. Gleichzeitig wurden europaweit 192 Ausbrüche in Hausschweinebeständen gemeldet.
98 Kilometer. Für ein Wildschwein ist das eine große Distanz. Für ein Virus, das im Auto, am Stiefel, auf einem Messer oder in einer achtlos weggeworfenen Wurst reisen kann, ist es praktisch nichts. Genau darin liegt eine der größten Gefahren.
Der Mensch ist schneller als jedes Wildschwein

Die Afrikanische Schweinepest befällt Haus- und Wildschweine. Für Menschen stellt sie keine Gesundheitsgefahr dar.Auch Hunde erkranken nicht daran. Sie können den Erreger allerdings indirekt weitertragen, etwa über anhaftenden Schmutz.
Das Virus selbst ist bemerkenswert widerstandsfähig. Nach Angaben des österreichischen Gesundheitsministeriums kann es Wochen bis Monate in Fleisch, Fleischwaren oder Schlachtabfällen überleben, in gefrorenem Fleisch sogar mehrere Jahre. Infiziertes Material, kontaminierte Fahrzeuge, Schuhe, Kleidung oder Jagdausrüstung können damit zum Transportmittel werden.
Die AGES sieht deshalb nicht allein die natürliche Ausbreitung über Wildschweinpopulationen als Problem. Für Österreich gilt der indirekte Eintrag durch den Menschen aus bereits betroffenen Gebieten als größtes Risiko.
Das erklärt auch jene ASP-Fälle, die plötzlich weit entfernt von bisher bekannten Seuchengebieten auftauchen. Ein kontaminiertes Lebensmittel kann innerhalb weniger Stunden hunderte Kilometer zurücklegen. Eine weggeworfene Wurstsemmel am Autobahnparkplatz kann epidemiologisch gefährlicher sein als eine wandernde Rotte.
Wenn das Virus einmal im Revier ist
Für europäische Wildschweine endet eine Infektion häufig tödlich. Auffällige Stücke können apathisch oder orientierungslos wirken, die Fluchtbereitschaft verlieren, abmagern oder Blutungen zeigen. Doch nicht jedes infizierte Tier präsentiert ein eindeutiges Krankheitsbild.
Deshalb sind Kadaver so wichtig.
Bereits seit Dezember 2019 gilt in Österreich: Tot aufgefundene Wildschweine müssen der Veterinärbehörde gemeldet und auf ASP untersucht werden. Das gilt im gesamten Bundesgebiet. Selbst stark verweste Stücke können noch untersucht werden.
Für Jäger ist die Vorgehensweise klar: Ein verdächtiger Kadaver sollte nicht von der Fundstelle entfernt werden. Fundort möglichst exakt dokumentieren – im Idealfall mit GPS-Koordinaten – und die zuständige Bezirksverwaltungsbehörde beziehungsweise den Amtstierarzt informieren. Anschließend müssen Schuhe, Kleidung und möglicherweise kontaminierte Ausrüstung gründlich gereinigt werden. Genau diese Maßnahmen empfiehlt das Bundesministerium in seinen Informationen zur Früherkennung der ASP.
Besondere Vorsicht gilt nach Jagdreisen in betroffene Gebiete. Jagdkleidung, Stiefel, Messer, Wildwannen oder anderes Material können den Erreger verschleppen. Das österreichische Gesundheitsministerium warnt außerdem ausdrücklich davor, Schweine- oder Wildschweinefleisch sowie daraus hergestellte Produkte aus betroffenen Regionen mitzubringen.
Was ein erster Fall bedeuten würde
Ein ASP-Nachweis wäre nicht nur ein veterinärmedizinisches Problem. Würde die Seuche in einem österreichischen Hausschweinebetrieb festgestellt, müssten laut den geltenden Bekämpfungsvorschriften sämtliche Schweine des betroffenen Betriebes getötet werden. Rund um den Betrieb wären Schutz- und Überwachungszonen einzurichten.
Noch tiefgreifender könnte ein Ausbruch im Wildschweinbestand für die Jagd werden. Dann müssten großräumige Sperrzonen eingerichtet werden. Bewegungen von Wild und Menschen, die Bergung von Kadavern und vor allem die Bejagung würden nach epidemiologischen Kriterien gesteuert. Denn eine falsch durchgeführte Drückjagd kann im schlimmsten Fall genau das bewirken, was verhindert werden soll: Rotten auseinanderbrechen und infizierte Stücke in neue Gebiete verdrängen.
Das Gesundheitsministerium weist ausdrücklich darauf hin, dass die Jagd in betroffenen Regionen stark reglementiert werden kann. Gleichzeitig drohen Handelsbeschränkungen und erhebliche wirtschaftliche Folgen für Schweinehalter, Fleischwirtschaft und nachgelagerte Betriebe.
Österreich bereitet sich vor
Ganz unvorbereitet wartet Österreich nicht auf das Virus. Neben der Untersuchung sämtlicher tot aufgefundener Wildschweine gibt es einen Aktionsplan Wildschweinmanagement 2023–2028. Ein Ziel: die Wildschweindichte zu reduzieren und Behörden, Jagd, Land- und Forstwirtschaft sowie Veterinärwesen enger miteinander zu verzahnen. Zusätzlich arbeitet eine eigene Task Force zur Afrikanischen Schweinepest.
Denn eine hohe Schwarzwilddichte erleichtert einem eingeschleppten Virus, sich in einer Population festzusetzen.
Trotzdem wird am Ende nicht allein ein Aktionsplan darüber entscheiden, ob Österreich ASP-frei bleibt. Es sind die kleinen Dinge. Die sauberen Stiefel nach einer Jagdreise. Das desinfizierte Messer. Die Wurst, die nicht aus einem Seuchengebiet mitgebracht wird. Und der Jäger, der bei einem verendeten Wildschwein nicht einfach weitergeht, sondern zum Telefon greift.



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