Abschied im Hochgebirge: Ein Berufsjäger zieht Bilanz
- 31. Dez. 2025
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Es ist ein klarer Morgen im Gebirge. Über den Felsrücken zieht der Wind, die Latschen biegen sich unter der Last des Schnees, und im Revier liegt diese eigentümliche Stille, die nur Jäger kennen. Hier, wo Hirsche durch die Rinnen ziehen und Gamsrudel die steilen Karen halten, hat er sein Leben verbracht: ein Berufsjäger, leidenschaftlich, unermüdlich, über Jahrzehnte Hüter eines der großen alpinen Reviere Österreichs. Doch mit dem nahenden Pensionsantritt steht für ihn eine Entscheidung fest: Er legt die Büchse nieder. Nicht, weil er die Jagd nicht mehr liebt. Sondern weil er das Gefühl hat, dass die Jagd nicht mehr so ist, wie er es gelebt hat.
„Früher war die Jagd eine Lebensaufgabe“, sagt der erfahrene Berufsjäger mit rauer Stimme, die Wind und Wetter kennt:
„Man war Jäger, Wildhüter, Hegefreund, Lehrer und manchmal auch Seelsorger – für Jagdgäste wie für das Wild.“
Der Berufsjäger, der anonym bleiben möchte, führte unzählige Jagdgäste durch das Revier, Jäger aus ganz Europa, manchmal auch aus Übersee. Männer und Frauen, die mit glänzenden Augen den ersten Anblick eines Gamsbocks oder Hirschrudels suchten. Für ihn war das Jagd: das Erleben, das Verstehen, das Schweigen.
Doch die letzten Jahre haben etwas verändert
„Heute kommen Gäste, die vom Wild keine Ahnung haben. Sie wissen nicht, wie eine Gams zieht oder wie ein Hirsch in der Brunft lebt. Sie wollen nur eines: weit schießen. 300, 400 Meter – wie auf dem Schießstand, nur dass am Ende ein Lebewesen liegt.“
Von der Tradition zur Ballistik
Was ihn schmerzt, ist nicht allein die Distanz. Es ist die Haltung dahinter: „Die Jagd war einmal eine Kultur, ein Handwerk. Heute ist sie oft nur Technik. Teure Büchsen, Zieloptiken mit Ballistikrechner, Entfernungsmesser, Wärmebild. Und ein Gast, der stolz erzählt, wie er auf 500 Meter getroffen hat – ohne jemals das Wild zuvor richtig gesehen, geschätzt, verstanden zu haben.“
Der Berufsjäger spricht es offen aus: Er erkennt seine Jagd nicht mehr wieder. Dort, wo früher Wissen um Fährten, Wind, Standorte und Verhalten gefragt war, reicht heute ein Knopfdruck am Entfernungsmesser.
Die Traditionen – letzte Bissen, Brüche, Dankbarkeit gegenüber dem erlegten Tier – werden bestenfalls belächelt, oft ignoriert. „Für viele ist das nur Folklore. Für mich war es immer der Kern.“
Ein innerer Bruch
Psychologisch ist dieser Bruch tief. Über Jahrzehnte hat der Berufsjäger seine Identität aus der Jagd gezogen, aus dem Hüten und Begleiten. Jetzt fühlt er sich fremd im eigenen Metier. „Ich habe die schönsten Jagdtage meines Lebens erlebt. Stille Pirschgänge im Morgengrauen, Nächte in der Jagdhütte, das Vertrauen eines Gastes, wenn wir zusammen am Hang lagen und er mir zuflüsterte, er sei zu nervös, um den Schuss zu wagen. Das waren echte Momente.“
Heute aber gehe es zu oft nur um das Foto, die Trophäe, die Schlagzeile in sozialen Medien. „Die Ehrfurcht ist weg. Und ohne Ehrfurcht ist Jagd nichts anderes als Schießen.“
Ein Spiegel für die Jagdgesellschaft
Seine Entscheidung, die Jagd aufzugeben, ist mehr als ein persönlicher Schlussstrich. Sie ist Spiegel einer Entwicklung, die viele in der Jagdgesellschaft beunruhigt:
Technisierung: Wo früher Können war, regiert heute Ballistik.
Entfremdung: Gäste kennen Wildtiere nur noch aus Katalogen und eine „Dienstleistung“.
Traditionsverlust: Brüche, Riten, Dankbarkeit verblassen.
Ökonomisierung: Jagden sind Geschäft, Reviere werden vermarktet, Stücke „verwertet“.
Für einen Jäger, der die Jagd, sein Handwerk als Kultur verstanden hat, ist das nicht mehr vereinbar.
Ein stiller Abschied
Sein letzter Gang durchs Revier wird kein Triumph sein. Er wird die Büchse schultern, ein letztes Mal die Berge hinaufsteigen, die Hirsche in der Brunft hören, die Gams im Steilhang sehen – und dann gehen. Nicht aus Schwäche. Sondern aus Konsequenz.
„Die Jagd, die ich gelernt habe, gibt es so kaum noch“, sagt er. „Und mit der Jagd, die übrig bleibt, kann ich mich nicht mehr identifizieren.“
Zurück bleibt ein kritischer Nachruf auf eine jagdliche Epoche. Einer, der nicht verklärt, sondern mahnt. Dass Jagd mehr ist als Schussdistanz, mehr als Trophäen, mehr als Technik. Dass Jagd im Kern Beziehung ist – zum Wild, zur Natur, zu sich selbst.
Wenn einer, der sein Leben dem Hirsch und der Gams verschrieben hat, freiwillig geht, dann sollte uns das aufhorchen lassen. Denn am Ende stellt sich nicht nur für ihn, sondern für uns alle die Frage: Wohin geht die Jagd – und wo gehen wir mit ihr hin?



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