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Jagen ohne Angst: Warum selbst erfahrene Jäger vor dem Schuss zittern

  • vor 40 Minuten
  • 7 Min. Lesezeit
Welcher Jäger kennt's: Der Gamsbock im Fadenkreuz und das Herz schlägt plötzlich bis zum Hals.
Welcher Jäger kennt's: Der Gamsbock im Fadenkreuz und das Herz schlägt plötzlich bis zum Hals.


Der Bock steht breit. Die Entfernung passt. Das Jagdgewehr liegt ruhig auf. Eigentlich ist alles perfekt – bis plötzlich das Herz bis zum Hals schlägt, die Hände zittern und der Abzug schwerer scheint als noch wenige Minuten zuvor. Jagdfieber kennen fast alle Jäger. Doch wann wird aus gesunder Erregung Angst? Und warum kann selbst jahrzehntelange Erfahrung davor nicht schützen? „Schuss & Stille“-Psychologin und Jägerin Nika erklärt, was in unserem Kopf passiert, wenn es ernst wird.


Es sind vielleicht noch fünf Sekunden.


Der Finger liegt am Abzug. Im Zielfernrohr steht das Stück ruhig. Einschießen, Entfernung, Anschlag – alles wurde hundertfach trainiert. Und trotzdem geschieht etwas, das sich weder mit der Qualität des Jagdgewehrs noch mit der Zahl der Jagdjahre erklären lässt.


Der Puls beschleunigt sich. Die Atmung wird flacher. Das Absehen beginnt zu wandern. Plötzlich ist da dieser eine Gedanke: Bloß nicht verreißen.


Und genau damit beginnt häufig das Problem.


„Viele Jäger glauben, Nervosität vor dem Schuss sei ein Zeichen mangelnder Erfahrung oder Unsicherheit. Das stimmt so nicht“, sagt unsere „Schuss & Stille“-Psychologin Nika. „Der Körper reagiert auf eine Situation, die für uns eine hohe Bedeutung besitzt. Und gerade weil uns dieser eine Schuss nicht egal ist, steigt die Erregung.“



Wenn der Hirsch den Puls hochtreibt


Dass Jagdfieber keineswegs nur eine romantische Erzählung alter Jäger ist, lässt sich sogar messen. Forscher begleiteten 19 Männer und Frauen während einer realen Hirschjagd und zeichneten deren Herzaktivität kontinuierlich auf. 15 der 19 Jäger erlebten das, was im englischen Sprachraum als „Buck Fever“ bezeichnet wird – eine extreme akute Erregung beim Anblick des Wildes beziehungsweise unmittelbar vor dem Schuss. Bei sieben von ihnen stieg die Herzfrequenz kurzfristig auf mindestens 85 Prozent der altersbezogenen maximalen Herzfrequenz.


Hirsch bei einer Salzlecke - aufgenommen in den Karnischen Alpen (mit Photoshop bearbeitet).
Hirsch bei einer Salzlecke - aufgenommen in den Karnischen Alpen (mit Photoshop bearbeitet).

Das Erstaunliche daran: In diesem Augenblick muss der Jäger körperlich überhaupt nicht besonders aktiv sein. Er kann seit Minuten nahezu bewegungslos am Hochsitz sitzen – und trotzdem reagiert sein Organismus, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.


Stresshormone werden ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller, Muskeln werden stärker durchblutet, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung verändern sich. Der Körper bereitet sich auf Handlung vor.


„Evolutionär ist diese Reaktion völlig sinnvoll“, erklärt Nika. „Unser Nervensystem bewertet zuerst: Ist diese Situation wichtig? Muss ich jetzt reagieren? Erst danach kommt unsere bewusste Interpretation. Deshalb können sich starke Freude, Aufregung und Angst körperlich erstaunlich ähnlich anfühlen.“


Jagdfieber ist deshalb zunächst einmal keine Schwäche. Im Gegenteil: Wer nach Jahrzehnten beim Anblick eines alten Gamsbockes noch immer einen erhöhten Puls bekommt, hat nicht automatisch ein psychologisches Problem. Vielleicht bedeutet ihm die Jagd einfach noch etwas.



Die entscheidenden zehn Sekunden


Besonders spannend ist, was unmittelbar vor dem Schuss passiert. In einer experimentellen Jagdsimulation mit 60 Jägern untersuchten Wissenschaftler unter anderem Pupillenreaktionen, Hautleitfähigkeit und die subjektive Wahrnehmung der Zeit. Bereits beim Auftauchen des ersten Hirsches zeigte sich physiologische Aktivierung. In den zehn Sekunden unmittelbar vor der Schussabgabe stieg die elektrodermale Aktivität deutlich an.


Noch bemerkenswerter: Die Zeit schien für die Teilnehmer langsamer zu vergehen. Viele Jäger kennen dieses Phänomen. Situationen, die objektiv nur wenige Sekunden dauern, bleiben später wie eine lange Sequenz in Erinnerung. Das Stück tritt aus. Es sichert. Es dreht sich. Das Absehen steht hinter dem Blatt. Und irgendwann bricht der Schuss.


„Unter hoher Erregung verändert sich unsere Wahrnehmung“, weiß Nika. „Unsere Aufmerksamkeit kann sich sehr stark auf einzelne Reize verengen. Das muss nicht negativ sein. Problematisch wird es dann, wenn der Jäger nicht mehr die gesamte Situation verarbeitet, sondern nur noch denkt: Ich muss jetzt schießen.“ Dieser kleine Satz hat jagdlich enorme Bedeutung. Denn aus einem möglichen Schuss wird im Kopf plötzlich ein notwendiger Schuss.


Unsere „Schuss & Stille“-Psychologin Nika ist gerne draußen im Revier – nicht nur, um Beute zu machen. Für sie bedeutet Jagd auch, Abstand vom Alltag zu gewinnen, Gedanken zu ordnen und zur Ruhe zu kommen. Jagd ist für Nika das Gegenkonzept zum hektischen Alltag.
Unsere „Schuss & Stille“-Psychologin Nika ist gerne draußen im Revier – nicht nur, um Beute zu machen. Für sie bedeutet Jagd auch, Abstand vom Alltag zu gewinnen, Gedanken zu ordnen und zur Ruhe zu kommen. Jagd ist für Nika das Gegenkonzept zum hektischen Alltag.

Der gefährlichste Gedanke: „Ich darf nicht fehlen“


Hier beginnt der Unterschied zwischen Jagdfieber und Leistungsangst. Der erfahrene Jäger weiß, wie er schießen muss. Anschlag, Atmung, Abziehen und Nachhalten wurden über Jahre automatisiert. Viele dieser Bewegungen laufen ab, ohne dass wir jeden einzelnen Muskel bewusst steuern.


Doch je größer die Bedeutung des Augenblicks wird, desto größer kann auch der Wunsch entstehen, diesen Ablauf plötzlich kontrollieren zu wollen.


Stehe ich wirklich ruhig?

Ist das Absehen exakt dort?

Ziehe ich sauber ab?

Was passiert, wenn ich fehle?


Und plötzlich denkt der Jäger über Bewegungen nach, die sein Körper längst beherrscht. Aus der Sportpsychologie ist ein verwandtes Phänomen gut bekannt. Beim Bogenschießen spricht man von „Target Panic“. Betroffene Schützen können Bewegungsabläufe, die zuvor selbstverständlich funktioniert haben, plötzlich nicht mehr zuverlässig ausführen. In einer qualitativen Untersuchung beschrieben erfahrene Bogenschützen einen typischen Kreislauf: Die Aufmerksamkeit verlagerte sich immer stärker auf das Ergebnis des Schusses, daraus entstand ein wachsendes Bedürfnis nach Kontrolle – und am Ende gerade ein Verlust dieser Kontrolle.


„Je mehr ich mir sage, dass ich auf keinen Fall fehlen darf, desto wichtiger wird der Fehler in meinem Kopf“, erklärt Nika. „Unser Gehirn beschäftigt sich dann nicht mehr mit dem sauberen Prozess, sondern mit einer möglichen negativen Konsequenz. Und genau das kann zusätzlichen Druck erzeugen.“


Ein schlechter Schuss kann diesen Mechanismus verstärken. Besonders dann, wenn darauf eine schwierige oder erfolglose Nachsuche folgt.



Wenn ein Fehlschuss mit auf den Hochsitz steigt


Darüber wird unter Jägern wesentlich seltener gesprochen als über Kaliber oder Treffpunktlage. Ein Stück wurde krankgeschossen. Stundenlang wurde nachgesucht. Vielleicht wurde das Wild erst am nächsten Morgen gefunden. Vielleicht gar nicht.

Beim nächsten Jagdgang sitzt dann nicht nur der Jäger auf dem Hochsitz. Die Erinnerung sitzt daneben.


Ähnliche sogenannte Performance Blocks sind aus verschiedenen Sportarten bekannt. Sie können mit starker Angst, dem Gefühl des „Einfrierens“ und dem Verlust zuvor sicher beherrschter Bewegungsabläufe einhergehen. Die sportpsychologische Forschung warnt allerdings vor zu einfachen Erklärungen: Hinter solchen Blockaden können unterschiedliche psychologische, physiologische und teilweise auch neurologische Mechanismen stehen.


Für die Jagd bedeutet das: Nicht jedes Zittern ist Angst. Nicht jedes schlechte Erlebnis führt zu einer Blockade. Aber wiederkehrende Gedanken an einen vergangenen Fehlschuss können den nächsten Schuss beeinflussen.


„Unser Gehirn lernt sehr schnell Verknüpfungen“, sagt Nika. „Wenn eine Situation mit einem besonders belastenden Erlebnis verbunden wurde, kann beim nächsten ähnlichen Moment bereits die Erwartung entstehen: Hoffentlich passiert das nicht noch einmal. Genau diese Erwartungsangst erzeugt wiederum Spannung.“


Und damit entsteht ein Teufelskreis. Der Jäger will besonders sauber schießen. Deshalb versucht er stärker zu kontrollieren. Weil er stärker kontrolliert, nimmt er jede kleine Bewegung wahr. Dadurch wird er unsicherer. Und weil er unsicherer wird, versucht er noch stärker zu kontrollieren.



Warum Erfahrung trotzdem hilft


Die gute Nachricht lautet: Erfahrung macht einen Unterschied. Aber vielleicht anders, als viele glauben. Bei einer Untersuchung mit 127 britischen bewaffneten Polizeibeamten verglichen Forscher weniger erfahrene mit routinierten Schützen unter erhöhtem Leistungsdruck. Bei den weniger Erfahrenen waren Angstniveau und Herzfrequenz höher, gleichzeitig war ihre Trefferleistung schlechter. Die erfahrenen Teilnehmer zeigten ebenfalls einen deutlichen Anstieg der Herzfrequenz – konnten ihre Präzision aber wesentlich besser aufrechterhalten.


Das bedeutet vereinfacht: Der Profi hat nicht unbedingt weniger Puls. Er kann mit dem Puls besser schießen.


Dazu passt Forschung über die visuelle Aufmerksamkeit beim Zielen. Wissenschaftler sprechen vom sogenannten Quiet Eye – der letzten stabilen Blickfixation auf einen relevanten Zielbereich unmittelbar vor der entscheidenden Bewegung. Bei Zielaufgaben hängen längere stabile Fixationen vielfach mit besserer Leistung zusammen. Angst kann diese Phase verkürzen.


Elite und Anfänger unterscheiden sich deshalb nicht nur technisch. Sie unterscheiden sich auch darin, wo ihre Aufmerksamkeit bleibt, wenn Druck entsteht. „Routine heißt nicht, keine Aufregung mehr zu empfinden“, sagt Nika. „Routine bedeutet, auch mit Aufregung Zugriff auf einen vertrauten Ablauf zu behalten.“



Nicht gegen das Zittern kämpfen


Jagen ohne Angst“ bedeutet nicht, keine Anspannung zu spüren. Unsere „Schuss & Stille“-Psychologin Nika weiß: Respekt, Nervosität und sogar Zittern gehören zum jagdlichen Schuss dazu. Entscheidend ist, diese Gefühle anzunehmen, richtig einzuordnen und trotz Druck ruhig und verantwortungsvoll zu handeln.
Jagen ohne Angst“ bedeutet nicht, keine Anspannung zu spüren. Unsere „Schuss & Stille“-Psychologin Nika weiß: Respekt, Nervosität und sogar Zittern gehören zum jagdlichen Schuss dazu. Entscheidend ist, diese Gefühle anzunehmen, richtig einzuordnen und trotz Druck ruhig und verantwortungsvoll zu handeln.

Was also tun, wenn der Bock austritt und plötzlich die Knie weich werden? Vielleicht zunächst etwas Überraschendes: Nichts dagegen tun. Zumindest nicht im Sinne von: Das darf jetzt nicht passieren.


„Wenn ich bemerke, dass mein Herz schneller schlägt, und mir gleichzeitig sage, ich müsste unbedingt vollkommen ruhig sein, entsteht ein zweiter Stressor“, erklärt Nika. „Dann habe ich nicht nur die jagdliche Situation, sondern auch noch den Kampf gegen meine eigene körperliche Reaktion.“


Besser sei es, die Erregung wahrzunehmen, ohne sie sofort negativ zu bewerten.


Mein Puls ist hoch.

Gut.

Ich bin aufgeregt.

Gut.

Jetzt zurück zum Ablauf.

Atmung. Anschlag. Ziel. Abziehen.

Oder eben: nicht schießen.


Denn zu einem stabilen Schussablauf gehört auch die Fähigkeit, ihn abzubrechen.



Der vielleicht wichtigste Schuss ist jener, der nicht fällt


Dieser Punkt unterscheidet Jagd grundlegend vom sportlichen Wettkampf. Der Sportschütze muss seinen Schuss irgendwann abgeben. Der Jäger nicht. Das Stück kann weiterziehen. Der Bock kann morgen wiederkommen. Der Hirsch kann dieses Jahr überhaupt nicht zur Strecke kommen.


„Die Möglichkeit, bewusst nicht zu schießen, ist psychologisch unglaublich wichtig“, sagt Nika. „Wenn ein Jäger innerlich glaubt, er müsse jede passende Chance unbedingt nutzen, macht er sich selbst abhängig vom Ergebnis. Wer hingegen weiß, dass ein Abbruch jederzeit möglich und völlig in Ordnung ist, nimmt Druck aus der Situation.“


Gerade deshalb sollte jagdliches Training nicht ausschließlich auf kleine Schussgruppen am Schießstand ausgerichtet sein. Ein Jäger sollte lernen, aus unterschiedlichen Anschlägen zu schießen. Mit erhöhtem Puls. Nach körperlicher Belastung. Unter Zeitdruck. Mit Schießstock. Vom Rucksack. Liegend, sitzend oder angestrichen. Und ebenso sollte er trainieren, die Büchse wieder abzusetzen. Die Situation neu zu beurteilen. Und erst dann erneut anzuschlagen.



Hilft Atmen?


Atemtechniken werden im Schießsport häufig empfohlen. Ganz falsch ist das nicht – Wunder sollte man davon allerdings keine erwarten.


In einer randomisierten Studie mit 67 Teilnehmern reduzierte fünfminütiges langsames Zwerchfellatmen vor einer Schießaufgabe unter Druck teilweise die subjektive kognitive Angst. Die Herzfrequenz und insbesondere die eigentliche Schießleistung verbesserten sich dadurch jedoch kaum.


Auch hier gilt also: Kein psychologischer Trick ersetzt Training. Die Atmung kann helfen, die eigene Aktivierung zu regulieren. Entscheidend bleibt jedoch ein reproduzierbarer Ablauf.

Nika bringt es auf einen einfachen Satz: „Nicht der ruhigste Jäger schießt automatisch am besten. Sondern jener, der auch dann weiß, was er tut, wenn er nicht ruhig ist.“



Ein bisschen Jagdfieber darf bleiben


Jagen ist mehr als Schießen. Es bedeutet beobachten, verstehen, warten – und Verantwortung übernehmen. Für unsere „Schuss & Stille“-Psychologin Nika liegt gerade in diesen stillen Momenten der eigentliche Wert der Jagd.
Jagen ist mehr als Schießen. Es bedeutet beobachten, verstehen, warten – und Verantwortung übernehmen. Für unsere „Schuss & Stille“-Psychologin Nika liegt gerade in diesen stillen Momenten der eigentliche Wert der Jagd.

Vielleicht sollten wir deshalb gar nicht versuchen, völlig angstfrei zu jagen. Denn Jagd ohne jede Erregung wäre vermutlich auch Jagd ohne einen Teil dessen, was sie für uns ausmacht. Das Herz darf schneller schlagen, wenn nach Stunden im Gegenhang plötzlich der gesuchte Gamsbock aufsteht.


Die Hände dürfen zittern, wenn der alte Hirsch nach drei erfolglosen Morgen erstmals aus dem Nebel tritt. Entscheidend ist etwas anderes. Dass die Erregung nicht entscheidet. Dass der Jäger entscheidet. Dass er weiß, wann der Schuss verantwortbar ist – und genauso sicher weiß, wann er den Finger wieder vom Abzug nimmt.






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