Brunft, Berge, Menschen: So anders lebt Rotwild, als wir glaubten!

Wenn im Oktober die Nächte kühler werden und aus den Bergwäldern das erste Röhren dringt, beginnt eine der eindrucksvollsten Wochen im Jagdjahr. Doch hinter der Hirschbrunft steckt weit mehr als Imponiergehabe und Kampf. Neue Untersuchungen aus den Alpen zeigen, wie fein Rotwild auf Jagddruck, Wanderer, Klima und selbst Veränderungen im Wald reagiert. Und manche Erkenntnis stellt unser klassisches Bild vom „König der Wälder“ gehörig auf den Kopf.
Es beginnt oft unspektakulär. Ein einzelner Ruf irgendwo weit hinten im Tal. Tief, rau, fast wie aus einer anderen Zeit. Wenige Minuten später antwortet ein zweiter Hirsch vom gegenüberliegenden Hang. Dann ein dritter. Die Hirschbrunft hat begonnen.
Für Jäger gehört sie zu den emotionalsten Wochen des Jahres. Doch biologisch betrachtet ist diese Zeit für den Rothirsch alles andere als romantisch. Sie ist ein körperlicher Ausnahmezustand.
Mit sinkender Tageslänge verändert sich der Hormonhaushalt. Der Testosteronspiegel der Hirsche steigt, der Trieb zur Fortpflanzung übernimmt zunehmend die Regie. Hirsche, die den Sommer teilweise weit entfernt voneinander verbracht haben, ziehen zu traditionellen Brunftgebieten. Dort treffen sie auf die Kahlwildrudel – und auf ihre Konkurrenten.
Es wird geröhrt, imponiert, parallel marschiert, geplätzt und gekämpft. Dabei ist ein echter Kampf keineswegs die erste Wahl. Für zwei starke Hirsche bedeutet er ein erhebliches Verletzungsrisiko. Schon Stimme, Körpergröße, Verhalten und Geweih erlauben es den Kontrahenten, die Kräfte des anderen einzuschätzen. Erst wenn keiner weicht, schlagen die Geweihe zusammen.
Die Brunft kostet Substanz

Was der Jäger in diesen Wochen beobachtet, ist Hochleistungssport mit drastisch reduzierter Energiezufuhr. Reife Hirsche äsen während der intensivsten Brunft deutlich weniger, während ihre Aktivität gleichzeitig steigt.
Eine vergleichende wissenschaftliche Untersuchung zum Energieeinsatz männlicher Huftiere kam für Rotwild auf einen durchschnittlichen Gewichtsverlust während der Brunft von rund 19,5 Prozent. Damit war der Verlust höher als bei den untersuchten Gämsen und Rehböcken. Selbst nach Ende der Brunft kann die Körpermasse zunächst weiter sinken.
Ein 200-Kilogramm-Hirsch kann also während dieser wenigen Wochen einen beträchtlichen Teil seiner Reserven verbrauchen. Genau deshalb entscheidet nicht erst der Winter über sein Überleben. Entscheidend ist, in welchem Zustand er in die Brunft hineingeht – und wie stark er sie wieder verlässt. Der Sommer ist damit gewissermaßen der Tankvorgang für den September.
Nicht jeder Hirsch bleibt auf seinem Berg

Gerade im Gebirge zeigt Rotwild eine enorme räumliche Flexibilität. Sommer-, Brunft- und Wintereinstände können weit voneinander entfernt liegen. In Gebirgsregionen gibt es sowohl standorttreue als auch wandernde Tiere.
Ein internationales Langzeitprojekt, das 2025 veröffentlicht wurde, untersuchte die Frühjahrswanderung von 297 besenderten Rothirschen. Das Ergebnis: Der Zeitpunkt des Aufbruchs hängt keineswegs nur vom Kalender ab. Schneelage, Temperatur, Beginn des Pflanzenwachstums, Höhenlage und die Struktur der Landschaft wirken zusammen. Verzögerte sich das Maximum der Vegetationsentwicklung um fünf Tage, wanderten die Tiere im Mittel etwa 1,2 Tage später. Tiere mit hoch gelegenen Sommereinständen brachen ebenfalls später auf.
Rotwild folgt also gewissermaßen der grünen Welle den Berg hinauf. Genau dieses Verhalten ist auch für die Zentralalpen beschrieben: Im Frühling ziehen Tiere mit dem fortschreitenden Pflanzenwachstum in höhere Lagen, während Schnee und Nahrungsverfügbarkeit die Rückkehr in Wintergebiete bestimmen. Dabei können Kahlwild, junge Hirsche und alte Hirsche völlig unterschiedliche Wanderstrategien verfolgen.
Für den Jäger erklärt das eine alte Erfahrung: Ein Hirsch, der im August regelmäßig auf einer bestimmten Alm bestätigt wird, muss dort vier Wochen später noch lange nicht stehen.
Zur Brunft werden aus Wanderern Sucher
Besonders interessant ist, was während der Paarungszeit passiert. GPS-Untersuchungen zeigen, dass die Bewegung der Hirsche eng mit der Brunftaktivität der Tiere zusammenhängt.
In einer Telemetriestudie waren zu Beginn der Brunft besonders viele Stücke nahezu gleichzeitig empfängnisbereit. Die Hirsche konzentrierten sich entsprechend stärker auf das Zusammenhalten und Bewachen der Rudel. Später, als weniger Tiere gleichzeitig brunftig waren, nahm die Suchbewegung der Hirsche zu: Sie legten größere Strecken zurück, um weitere brunftige Stücke zu finden.
Das erklärt auch, warum plötzlich ein Hirsch auftauchen kann, den im Revier zuvor niemand kannte – und warum ein bestätigter Platzhirsch wenige Tage später verschwunden sein kann. Brunft bedeutet nicht Stillstand. Sie bedeutet Bewegung.
Ist Rotwild überhaupt ein „Waldtier“?

Hier wird es besonders spannend. Wir sprechen gerne vom Rothirsch als „König der Wälder“. Evolutionsgeschichtlich ist dieses Bild jedoch nur bedingt richtig. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung rekonstruierte anhand von Isotopen die Lebensraumnutzung europäischen Rotwildes über rund 21.000 Jahre.
Die Daten zeigen eine deutliche Verschiebung: Rotwild nutzte am Ende des Pleistozäns erheblich offenere Landschaften. Im Verlauf des Holozäns verlagerte sich seine realisierte ökologische Nische stärker in Waldlebensräume. Während zunächst vor allem klimatische Veränderungen wirkten, gewann später der Einfluss des Menschen zunehmend an Bedeutung.
Anders formuliert: Rotwild lebt vielerorts nicht deshalb so versteckt im Wald, weil der Wald grundsätzlich sein idealer Lebensraum wäre. Es lebt dort auch, weil wir Menschen die offenen Räume besetzen. Und genau dafür liefern aktuelle Alpenstudien erstaunlich klare Belege.
Wir verändern den Tagesablauf des Rotwildes
Eine der spannendsten neuen Untersuchungen stammt aus den Ostalpen. Über fünf aufeinanderfolgende Herbstperioden wurden Rotwild, menschliche Freizeitnutzung, Jagd und Wölfe mit Kamerafallen beobachtet.
Das Ergebnis ist bemerkenswert: Jagd und Freizeitaktivitäten beeinflussten das Aktivitätsverhalten des Rotwildes stärker als der Wolf.
Wo gejagt wurde, nahm die Aktivität des Rotwildes ab und die typischen Aktivitätsspitzen in der Morgen- und Abenddämmerung wurden schwächer. Starke Freizeitnutzung verschob das Verhalten zusätzlich in Richtung Nacht. Dagegen ließ sich für die Nutzung eines Gebietes durch Wölfe kein vergleichbar starker Einfluss auf den Tagesrhythmus des Rotwildes nachweisen.
Das ist für die jagdliche Praxis von enormer Bedeutung. Wenn wir uns darüber wundern, dass Rotwild erst lange nach Einbruch der Dunkelheit auf Wiesen austritt, haben wir möglicherweise einen Teil der Antwort selbst geschaffen.
243 besenderte Stücke zeigen dasselbe Bild
Noch deutlicher wird es in einer 2025 publizierten Alpenstudie. Die Forscher werteten Bewegungsdaten von 243 GPS-besenderten Rothirschen aus sechs Gebieten in Österreich, der Schweiz, Italien und Liechtenstein aus.
Tagsüber mieden die Tiere Bereiche mit höherem menschlichem Begegnungsrisiko. Sie bevorzugten stärkere Deckung, hielten größere Abstände zu Wegen, wählten steilere Hänge und teilweise höhere Lagen.
Besonders auffällig: Während Sommer und Herbst wurden jagdfreie Bereiche gezielt genutzt. In diesen Ruhezonen konnten die Tiere ihren Lebensraum wesentlich stärker nach natürlichen Kriterien auswählen.
Es braucht dabei offenbar nicht zwingend riesige Schutzgebiete. Auch ein Netz kleinerer Ruhezonen kann Verhalten beeinflussen. Für eine moderne Rotwildbewirtschaftung ist das eine wichtige Botschaft: Ruhe ist selbst ein Lebensraumfaktor.
Das Experiment von Berchtesgaden
Wie schnell Rotwild lernt, wo Gefahr droht, zeigt eine weitere aktuelle Untersuchung aus dem Nationalpark Berchtesgaden. 32 besenderte Tiere bewegten sich innerhalb von Gebieten, die teilweise bejagt und teilweise jagdfrei waren. In bejagten Bereichen wählten sie tagsüber deutlich häufiger geschlossenen Wald und bewegten sich weniger. Nachts wechselten sie verstärkt auf offene Äsungsflächen.
In jagdfreien Bereichen war dieses Muster wesentlich schwächer: Dort nutzte das Rotwild offene Lebensräume auch am Tag. Der Hirsch unterscheidet also nicht einfach zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Lebensraum. Er unterscheidet zwischen Nahrung und Sicherheit. Und er kennt offenbar die Grenzen, an denen sich das Risiko verändert.
Der Windwurf als Rotwild-Wohnzimmer?
Auch Waldschäden durch Sturm, Borkenkäfer oder andere Ereignisse erhalten durch neue Forschung eine überraschende Bedeutung.
Eine 2026 erschienene Untersuchung aus Berchtesgaden zeigt, dass gestörte Waldflächen für Rotwild besonders attraktiv sein können. Dort treffen zwei Dinge zusammen, die normalerweise räumlich getrennt liegen: Nahrung und Deckung.
Nach Windwurf oder Borkenkäferbefall entwickelt sich am Boden häufig üppige Vegetation. Gleichzeitig sorgen Totholz und Strukturen für Sichtschutz. Rotwild kann dort äsen und sich gleichzeitig sicher fühlen.
Je länger die untersuchten Tiere solche Bereiche nutzten, desto geringer war ihr täglicher Energieaufwand. Umgekehrt nahm der Energiebedarf mit zunehmendem menschlichem Druck zu. Was forstlich als Schadfläche gesehen wird, kann wildökologisch also plötzlich hochattraktiver Lebensraum sein.
Selbst das Röhren reagiert auf Störung
Eine ganz aktuelle Studie aus dem Jahr 2026 untersuchte auf einem portugiesischen Gebirgszug etwas, das bislang nur selten derart detailliert gemessen wurde: das Röhren der Hirsche.
29 automatische Aufnahmegeräte zeichneten während 14 Brunfttagen insgesamt 88.022 bestätigte Brunftrufe auf.
Dabei nahm die Rufaktivität bei höheren Temperaturen, stärkerem Wind und Niederschlag ab. Noch interessanter war der Zusammenhang mit menschlichem Lärm: Je stärker die sogenannte Anthrophonie – also vom Menschen erzeugter Schall – desto geringer war die gemessene Rufaktivität. Mit zunehmender Entfernung zu Windkraftanlagen stieg sie wieder an.
Die Autoren betonen allerdings selbst, dass dies nicht beweist, dass allein der Schall der Windräder die Ursache ist. Möglich ist auch, dass die damit verbundene Infrastruktur und menschliche Aktivität eine größere Störkulisse erzeugen.
Dennoch steckt darin eine wichtige Botschaft: Selbst das Röhren, das wir als elementaren Ausdruck der Brunft wahrnehmen, findet nicht losgelöst von seiner Umgebung statt.
Auch in Kärnten wird Rotwild modern erforscht
Besonders interessant für Österreich ist eine 2025 veröffentlichte Untersuchung aus dem Gerlitzen-Mirnock-Gebiet in Kärnten.
Zwischen 2020 und 2022 arbeiteten Forscher dort mit 24 Kamerafallen in einem rund 324 Quadratkilometer großen Alpenraum zwischen 485 und 2145 Metern Seehöhe. Untersucht wurde unter anderem, wie zuverlässig sich das Geschlechterverhältnis einer Rotwildpopulation über Kameradaten bestimmen lässt.
Das Ergebnis dürfte für die jagdliche Praxis interessant sein: Unter den Bedingungen dieser Untersuchung lieferten bereits vergleichsweise einfache Auswertungen der Kamerabilder ähnliche Ergebnisse wie aufwendigere statistische Verfahren. Kamerafallen könnten deshalb künftig eine kostengünstige Ergänzung zur Einschätzung von Populationsstruktur und Geschlechterverhältnis darstellen.
Gerade beim Rotwild ist das keineswegs nebensächlich. Das Verhältnis von Hirschen zu Tieren beeinflusst nicht nur die Populationsentwicklung, sondern auch Ablauf und Synchronisation der Fortpflanzung.

Der Hirsch hört uns längst
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis all dieser Untersuchungen. Wir beschäftigen uns häufig damit, wie viele Stücke Rotwild in einem Gebiet stehen. Wie hoch der Abschuss sein soll. Wie stark der Verbiss ist. Wie viele Hirsche in welcher Altersklasse vorhanden sind.
Doch moderne Telemetrie, Kamerafallen und akustische Sensoren zeigen etwas anderes mindestens ebenso deutlich: Rotwild beobachtet auch uns.
Es weiß, wann Wege begangen werden. Es erkennt Jagddruck. Es unterscheidet zwischen Ruhezone und Gefahrenraum. Es verschiebt Aktivität in die Nacht, zieht in Deckung oder auf steilere Hänge und verändert dadurch seine Nutzung eines gesamten Lebensraumes.
Das hat Konsequenzen. Denn ein Hirsch, der eine Wiese nachts nutzt, statt tagsüber dort zu äsen, verschwindet nicht aus dem Ökosystem. Sein Äsungsdruck verlagert sich lediglich zeitlich und räumlich. Genau hier treffen Wildbiologie, Jagd und Forstwirtschaft aufeinander.
Die Brunft bleibt ein Wunder – aber kein Geheimnis mehr
Trotz GPS-Halsbändern, Genetik, Kamerafallen und Tausenden Stunden akustischer Aufzeichnungen bleibt die Hirschbrunft eines der großen Naturschauspiele unserer Berge.
Vielleicht wird sie durch das neue Wissen sogar noch faszinierender.
Denn wenn in einer kalten Oktobernacht das Röhren von einem Hang zum anderen zieht, hören wir nicht einfach einen Hirsch, der lautstark um Tiere wirbt. Wir hören einen Athleten am Limit. Einen Wanderer zwischen Sommer- und Winterlebensraum. Einen Konkurrenten, der versucht, Kämpfe zunächst mit seiner Stimme zu entscheiden. Und ein Wildtier, das seine Bewegungen erstaunlich präzise an Vegetation, Wetter, Menschen und Gefahr anpasst.
Der „König der Wälder“ ist damit vielleicht falsch bezeichnet. Der Rothirsch ist vielmehr ein Meister der Anpassung. Und gerade im Gebirge zeigt er, wozu er fähig ist.



Kommentare