top of page

Wenn im Juni der Wald zur Kinderstube wird

  • vor 15 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit
Rehgeiß mit ihrem Kitz am Straßenrand fotografiert
Rehgeiß mit ihrem Kitz am Straßenrand fotografiert

Warum Jäger im Juni das Gewehr gegen das Fernglas tauschen. Der Juni ist kein Monat der Jagd. Zumindest nicht jener Jagd, an die viele Menschen zuerst denken. Während im Herbst das Echo eines Schusses durch die Täler hallt und im Winter die Fährte im Schnee gelesen wird, herrscht jetzt eine andere Form des Weidwerks. Eine stille. Eine aufmerksame. Eine, die Geduld verlangt.


Beobachten, entdecken und staunen
Beobachten, entdecken und staunen

Wer in diesen Tagen frühmorgens durch Wald und Feld streift, trägt oft kein Gewehr über der Schulter. Stattdessen hängt das Fernglas griffbereit vor der Brust. Denn der Juni ist die Zeit, in der die Natur ihre Kinderstube öffnet. Überall beginnt neues Leben. Dort, wo vor wenigen Wochen noch kahle Wiesen lagen, drücken sich nun Rehkitze regungslos ins hohe Gras. In den Schatten alter Fichten stehen die ersten Rotwildkälber an der Seite ihrer Mutter. Vor den Fuchsbauten tollen ausgelassen Fuchswelpen. Junge Feldhasen sitzen zwischen Löwenzahn und Margeriten, während über ihnen Bussarde kreisen.


Für viele Jäger sind diese Wochen die schönsten des Jahres. Nicht, weil Beute gemacht wird. Sondern weil man Zeuge wird.



Das Wunder im hohen Gras


Es ist ein Bild, das selbst erfahrene Jäger nie kalt lässt. Ein Rehkitz, kaum größer als eine Hauskatze, liegt zusammengerollt zwischen den Halmen einer Wiese. Die weißen Flecken auf seinem Rücken wirken wie Sonnenstrahlen, die jemand auf das Fell gemalt hat.

Wer es entdeckt, muss zweimal hinschauen.

Genau das ist die Überlebensstrategie des kleinen Wildtiers. Die ersten Lebenswochen verbringt das Kitz meist allein. Die Geiß besucht es nur zum Säugen und hält sich ansonsten fern, um keine Feinde anzulocken. Statt davonzulaufen, vertraut das Kitz auf seinen natürlichen Tarnmechanismus. Es duckt sich tief ins Gras und verharrt bewegungslos. Für Spaziergänger sieht das oft aus, als wäre das Tier verlassen worden.


Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die Mutter beobachtet meist aus sicherer Entfernung jede Bewegung. Für Jäger beginnt jetzt eine besonders wichtige Zeit. Gemeinsam mit Landwirten werden Wiesen vor der Mahd abgesucht. Wärmebilddrohnen kreisen in den frühen Morgenstunden über Feldern. Freiwillige Helfer durchkämmen das Gras. Jedes gerettete Kitz ist ein kleiner Erfolg. Und jedes Jahr werden Tausende Jungtiere auf diese Weise vor dem Mähtod bewahrt.



Rehgeiß tappte mit zwei Kitz in eine Wildkamera.
Rehgeiß tappte mit zwei Kitz in eine Wildkamera.

Die ersten Schritte der Rotwildkälber


Während das Rehwild oft in unmittelbarer Nähe menschlicher Siedlungen lebt, spielt sich das Familienleben des Rotwildes meist verborgen ab. Wer in den Morgenstunden mit dem Fernglas einen sonnigen Berghang absucht, hat dennoch Chancen. Dann stehen sie plötzlich da. Rotwildkälber mit ihrem hellbraunen Sommerfell, noch etwas unsicher auf den langen Beinen, dicht bei ihren Müttern.


Die ersten Wochen ihres Lebens verbringen sie meist gut versteckt in deckungsreichen Einständen. Doch mit zunehmender Sicherheit beginnen die Kälber, ihre Umwelt zu erkunden. Sie springen, rennen, stolpern und lernen. Jeder Stein wird untersucht. Jeder Bach wird zur Herausforderung. Jeder Hang zur ersten Bergtour ihres Lebens. Für den Beobachter wirkt das oft verspielt. Tatsächlich beginnt hier bereits die Schule des Überlebens.




Die Wildnis hat Junge

Junge Füchse - bewacht von der Fuchsfähe - vor dem Bau
Junge Füchse - bewacht von der Fuchsfähe - vor dem Bau

Auch unter den Räubern herrscht Hochbetrieb. An vielen Fuchsbauen wird es jetzt laut. Dort, wo den Rest des Jahres kaum Bewegung zu erkennen ist, herrscht plötzlich ein reges Kommen und Gehen. Die Welpen verlassen erstmals den Bau und entdecken die Welt.

Sie balgen miteinander, jagen Schmetterlingen nach und verschwinden bei der kleinsten Gefahr blitzschnell wieder unter der Erde.


Wer lange genug still bleibt, kann Szenen beobachten, die an spielende Hunde erinnern. Doch die Idylle täuscht. Schon bald müssen die jungen Füchse lernen, selbst Nahrung zu finden. Das Leben in der Wildnis kennt keinen Kindergarten und keine zweite Chance.

Gerade deshalb wirken diese unbeschwerten Momente so kostbar.



Die stillen Stunden der Jäger


Viele Menschen verbinden Jagd ausschließlich mit dem Erlegen von Wild.

Wer jedoch einen Jäger im Juni begleitet, erlebt meist etwas völlig anderes. Man sitzt auf einer Kanzel und beobachtet. Man lauscht dem Kuckuck. Man verfolgt mit dem Fernglas eine Ricke, die ihr Kitz zum ersten Mal über eine Waldlichtung führt. Man entdeckt den ersten jungen Dachs des Jahres oder beobachtet einen Fuchs, der Mäuse für seinen Nachwuchs bringt.


Oft vergeht ein ganzer Abend, ohne dass ein Schuss fällt. Und dennoch fährt man mit unvergesslichen Eindrücken nach Hause. Vielleicht sogar mit mehr als nach manchem Jagdtag im Herbst. Denn die eigentliche Faszination der Jagd beginnt lange vor dem Schuss.

Sie beginnt beim Verstehen.


Hirschtier mit Kalb - aufgenommen von einer Wildkamera
Hirschtier mit Kalb - aufgenommen von einer Wildkamera

Verantwortung statt Trophäen


Der Juni erinnert Jäger daran, warum sie Verantwortung für Wildtiere übernehmen. Jetzt werden Salzlecken kontrolliert, Wildschäden beobachtet, Wasserstellen überprüft und Lebensräume gepflegt. Jetzt zeigt sich, ob die Bestände gesund sind und wie erfolgreich die Aufzucht des Nachwuchses verläuft. Jedes Kitz, jedes Kalb und jeder Welpe erzählt eine Geschichte über den Zustand eines Reviers. Über harte Winter. Über milde Frühjahre. Über Nahrung, Deckung und Ruhe. Wer aufmerksam beobachtet, erkennt früh, wie sich Wildbestände entwickeln und welche Herausforderungen bevorstehen.





Kommentare


bottom of page