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Der Schuss ist gefallen. Warum kommt danach das schlechte Gewissen?

vor 3 Stunden
3 Min. Lesezeit
Mit einem sauberen Schuss erlegter Berghirsch und dennoch das Gefühl von Traurigkeit.
Mit einem sauberen Schuss erlegter Berghirsch und dennoch das Gefühl von Traurigkeit.


Die Berge im Morgenlicht. Die ersten Sonnenstrahlen fallen auf die Alm. Ein Hirsch liegt im taufeuchten Gras. Der Schuss war sauber, die Jagd erfolgreich. Eigentlich müsste die Freude riesengroß sein. Doch während man neben dem erlegten Tier kniet, macht sich plötzlich ein anderes Gefühl breit: Traurigkeit. Vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen. Warum ist das so? Und was sagt es über uns Jäger aus? „Schuss & Stille“-Psychologin Nika erklärt, was in solchen Momenten in unserer Psyche vorgeht.



Es ist einer dieser Herbstmorgen, für die wir Jäger die Berge lieben. Die Luft ist kalt, über den Almwiesen liegt noch der Morgentau. Die ersten Sonnenstrahlen schieben sich über die Gipfel und tauchen die Landschaft in ein warmes, goldenes Licht. Irgendwo oberhalb der Waldgrenze röhrt ein Hirsch.


Dann geht alles ziemlich schnell. Der Hirsch tritt aus dem Bestand. Ein prächtiges Tier. Das Geweih zeichnet sich gegen den Morgenhimmel ab. Noch einmal wird angesprochen. Alles passt. Der Hirsch steht breit, der Kugelfang ist gegeben. Das Absehen steht ruhig hinter dem Blatt.


Der Schuss bricht. Wenig später liegt der Hirsch im Almgras. Weidmannsheil!


Die Anspannung fällt ab. Der Puls beruhigt sich langsam. Ein braver Hirsch, erlegt in einer traumhaften Berglandschaft. Ein Jagderlebnis, das wohl für immer in Erinnerung bleiben wird.


Doch dann kommt jener Moment, über den wir Jäger erstaunlich selten sprechen. Man geht die letzten Meter zum erlegten Hirsch. Kniet sich neben ihn, betrachtet das Geweih und streicht über die Decke. Vor wenigen Minuten war dieses Tier noch ein Teil der lebendigen Bergwelt. Es zog über die Almen, überstand harte Winter und kämpfte während der Brunft um seine Stellung. Jetzt liegt es regungslos im Gras.


Rundherum erwacht indes die Natur. Die Sonne steigt höher, die ersten Vögel sind zu hören. Eigentlich könnte dieser Morgen nicht schöner sein. Und trotzdem mischt sich unter die Freude plötzlich ein Gefühl, mit dem man gar nicht gerechnet hat. Traurigkeit. Vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen. Obwohl man jagdlich alles richtig gemacht hat.



Zwei Gefühle, die sich nicht ausschließen


"Schuss & Stille"-Psychologin Nika
"Schuss & Stille"-Psychologin Nika

„Psychologisch betrachtet ist das überhaupt kein Widerspruch“, erklärt Schuss & Stille-Psychologin Nika. „Menschen können gleichzeitig unterschiedliche, sogar gegensätzliche Emotionen empfinden. Die Freude über ein gelungenes Jagderlebnis und die Trauer über den Tod eines Tieres müssen einander nicht ausschließen.“


Die Psychologie bezeichnet dieses Phänomen als Ambivalenz. Gerade bei der Jagd ist das nachvollziehbar. Schließlich beschäftigen wir uns intensiv mit jenen Lebewesen, die wir unter bestimmten Voraussetzungen auch erlegen. Wir beobachten ihr Verhalten, kennen ihre Lebensräume und entwickeln mitunter eine besondere Beziehung zu einzelnen Stücken. Ein Hirsch, dessen Entwicklung man vielleicht über Jahre verfolgt hat, ist eben nicht bloß eine Trophäe. Mit seinem Abschuss endet auch eine Geschichte, die man selbst ein Stück weit miterlebt hat.



Warum diese Gefühle erst nach dem Schuss kommen


Während der Jagd sind wir hoch konzentriert. Wir beobachten, sprechen an und treffen Entscheidungen. Der Körper steht unter Anspannung, die Aufmerksamkeit gilt dem unmittelbaren Geschehen. Erst danach entsteht Raum für andere Gedanken.


„Wenn die Anspannung nachlässt, wird uns manchmal erst richtig bewusst, welche emotionale Bedeutung ein Erlebnis für uns hat“, erklärt Nika.


Dabei unterscheidet die Psychologie zwischen Traurigkeit und tatsächlichen Schuldgefühlen. Wer Mitgefühl für ein erlegtes Tier empfindet, muss seine Entscheidung deshalb nicht bereuen. Schuld entsteht vor allem dann, wenn wir glauben, gegen unsere eigenen moralischen Vorstellungen gehandelt zu haben.


Und macht uns dieses Mitgefühl zu schlechteren Jägern? „Ganz im Gegenteil. Mitgefühl ist keine Schwäche. Es zeigt, dass uns das Schicksal eines Lebewesens nicht gleichgültig ist“, so Nika. Allerdings bedeutet fehlende Traurigkeit auch nicht automatisch fehlende Empathie. Jeder Mensch verarbeitet solche Erlebnisse anders.


Ein neuer Tag beginnt.
Ein neuer Tag beginnt.

Vielleicht liegt gerade darin ein wesentlicher Teil dessen, was wir unter Weidgerechtigkeit verstehen: dass uns das Wild nicht gleichgültig ist. Auch dann nicht, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, es zu erlegen.


Denn ein guter Jagdtag endet nicht immer mit grenzenlosem Jubel. Manchmal endet er damit, dass man still neben einem Hirsch sitzt, während die Sonne über den Bergen aufgeht. Und für einen Augenblick einfach nur dankbar ist.






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