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Ein ungeschriebenes Gesetz der Jäger. Allerheiligen: Wenn die Jagd ruht

vor 1 Stunde
3 Min. Lesezeit
Zu Allerheiligen ruht die Jagd
Zu Allerheiligen ruht die Jagd


Es gibt Tage, an denen selbst die größte Jagdleidenschaft zurücktritt. Allerheiligen ist einer davon. Während draußen der Berg und der Herbstwald in seinen schönsten Farben leuchten, bleiben die Büchsen im Schrank. Eine jahrhundertealte Tradition, die uns daran erinnert, dass zur Jagd nicht nur das Erlegen, sondern auch das bewusste Verzichten gehört.


Es wäre ein wunderbarer Morgen für die Jagd. Die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich durch den Nebel, auf den Wiesen glitzert der Raureif. Hoch oben an den Berghängen liegt schon der erste Schnee. Die Brunft der Hirsche ist längst verklungen, jene der Gämsen nimmt Fahrt auf. Der November ist angebrochen. Für viele Jäger eine der schönsten und zugleich intensivsten Zeiten des Jagdjahres. Und doch bleibt heute die Büchse im Schrank. Denn es ist Allerheiligen. Ein Tag, an dem die Jagd traditionell ruht.



Ein ungeschriebenes Gesetz der Jäger


In der Jägerschaft gibt es Regeln, die in keinem Gesetzbuch stehen und dennoch seit Generationen weitergegeben werden. Allerheiligen gehört zu diesen sogenannten verpönten Jagdtagen. Ebenso wie Karfreitag, Ostersonntag oder der Christtag. Ein generelles gesetzliches Jagdverbot ergibt sich daraus nicht. Vielmehr handelt es sich um eine freiwillige Zurückhaltung, die tief im jagdlichen Brauchtum verwurzelt ist.


Dahinter steht ein Gedanke, der heute vielleicht wichtiger ist denn je: Nicht alles, was erlaubt ist, muss auch getan werden. Die Jagd ist schließlich mehr als die Erfüllung eines Abschussplanes, das Beobachten von Wild oder der erfolgreiche Schuss. Sie ist auch eine Frage der inneren Haltung. Von Respekt, Verantwortung und der Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen.



Erinnerungen an jene, die vor uns jagten


Allerheiligen ist in der christlichen Tradition das Fest aller Heiligen. Das eigentliche Totengedenken folgt am 2. November, zu Allerseelen. Im gelebten Brauchtum sind diese beiden Tage jedoch eng miteinander verbunden. Auch für Jäger ist es eine Gelegenheit, zurückzublicken. Vielleicht auf den Vater oder Großvater, der uns einst die ersten Fährten im Schnee zeigte. Auf den alten Jagdkameraden, dessen Platz bei der nächsten gemeinsamen Jagd leer bleiben wird. Auf Menschen, die uns gelehrt haben, dass ein guter Jäger nicht an der Zahl seiner erlegten Stücke zu erkennen ist.


Es sind Erinnerungen an gemeinsame Ansitze, an kalte Morgenstunden, an Geschichten in der Jagdhütte. An manches Weidmannsheil, aber auch an jene Tage, an denen man mit leeren Händen und dennoch reich beschenkt nach Hause kam. Manche dieser Menschen sind längst nicht mehr unter uns. Was bleibt, sind ihre Geschichten, ihre Erfahrungen und vielleicht auch ihre ganz persönliche Vorstellung von Weidgerechtigkeit.



Die Stille gehört zur Jagd


Gerade in einer Zeit, in der moderne Technik immer mehr Möglichkeiten eröffnet, gewinnt das bewusste Innehalten an Bedeutung. Wärmebildgeräte lassen uns Wild entdecken, das unseren Augen verborgen bleibt. Entfernungsmesser und hochpräzise Büchsen erweitern unsere technischen Möglichkeiten. Doch keine dieser Errungenschaften kann dem Jäger die wichtigste Entscheidung abnehmen: Wann ist es richtig, den Finger gerade zu lassen?

Allerheiligen erinnert uns daran, dass nicht jeder Jagdtag mit einem Schuss enden muss. Und dass es manchmal sogar richtig ist, gar nicht erst zur Büchse zu greifen.


Das bedeutet freilich nicht, dass mit dem Feiertag jede Verantwortung für das Wild endet. Notwendige Hilfe bei verletzten oder in Not geratenen Tieren bleibt selbstverständlich eine Aufgabe verantwortungsvoller Jäger. Aber die planmäßige Jagd kann für einen Tag warten.



Manchmal ist der Verzicht das größte Weidmannsheil


Vielleicht ist es gerade das, was Allerheiligen für uns Jäger so besonders macht. Dass wir für einen Tag nicht daran denken, wo der Hirsch austreten könnte, ob der Gamsbock schon bei den Geißen steht oder welche Stücke noch zu erlegen sind.


Dass wir uns stattdessen jener Menschen erinnern, mit denen wir unser jagdliches Leben geteilt haben. Und uns bewusst machen, welch großes Privileg es ist, draußen in der Natur sein zu dürfen. Morgen werden wieder Büchsen geschultert, Hochsitze bestiegen und Fährten gelesen. Das Jagdjahr geht weiter, wie es das seit Generationen tut.


Doch heute darf es still sein. Denn die wahre Größe eines Jägers zeigt sich nicht nur darin, dass er einen guten Schuss abgeben kann. Sondern auch darin, dass er weiß, wann es Zeit ist, darauf zu verzichten.






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