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Wenn Jäger singen, lebt die Jagd weiter

vor 6 Stunden
7 Min. Lesezeit
Der Chor der Kärntner Jägerschaft bei einem seiner vielen Auftritte.
Der Chor der Kärntner Jägerschaft bei einem seiner vielen Auftritte.

5500 Kilometer, 31 Hegeschauen und sieben neue Sänger: Als dem Chor der Kärntner Jägerschaft das letzte Halali drohte, wollte Obmann Ferdinand Kinzel das nicht hinnehmen. Mit außergewöhnlichem Einsatz gelang es ihm, ein wertvolles Stück Kärntner Jagdkultur zu bewahren. „Schuss & Stille“ sprach mit Kinzel und Chorleiter Horst Moser über die Zukunft des Chores, die Bedeutung jagdlicher Traditionen und darüber, warum gemeinsames Singen weit mehr ist als musikalische Unterhaltung.



Es gibt Momente im Leben eines Jägers, die bleiben. Der erste Rehbock. Ein unverhoffter Anblick im Morgengrauen. Die Stille nach einem erfolgreichen Schuss. Oder jener Augenblick, wenn nach einer gemeinsamen Jagd die Hörner erklingen und sich die Jäger zur Strecke versammeln. All das gehört zum Weidwerk. Und ebenso gehört die Musik dazu.


Gerade in Kärnten hat sie einen besonderen Stellenwert. Hier wird nicht nur das Jagdhorn geblasen, sondern seit Generationen auch gesungen. Das Kärntnerlied ist Ausdruck von Heimatverbundenheit, Gemeinschaft und Lebensfreude. Wenn sich diese musikalische Tradition mit der Jagd verbindet, entsteht etwas Besonderes.


Der Chor der Kärntner Jägerschaft verkörpert diese Verbindung seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Seine Sänger sind Jäger, die ihre Leidenschaft für das Weidwerk mit der Freude am gemeinsamen Gesang verbinden. Männer, die wissen, was es bedeutet, frühmorgens im Revier unterwegs zu sein, Verantwortung für Wild und Lebensraum zu übernehmen und Traditionen zu bewahren.


Doch beinahe wäre es still geworden um die singenden Jäger. Die Mitglieder wurden älter, der Nachwuchs blieb aus. Vor rund zwei Jahren stand sogar die Auflösung des Chores im Raum. Dass es nicht dazu kam, ist vor allem einem Mann zu verdanken: Ferdinand Kinzel.

Der engagierte Obmann setzte sich ins Auto und machte sich auf die Suche nach neuen Sängern. 5500 Kilometer führte ihn seine Reise durch Kärnten, zu Hegeschauen, Jagdveranstaltungen und Jungjägern.


„Schuss & Stille“ sprach mit Kinzel und dem langjährigen Chorleiter Horst Moser über diese ungewöhnliche Rettungsaktion, die verbindende Kraft der Musik und darüber, weshalb gelebtes Brauchtum auch für die Zukunft der Jagd unverzichtbar ist.



Ein Chor, dem beinahe die Stimmen ausgingen


Die Geschichte des Chores beginnt im Jahr 1999. Auf Initiative des damaligen stellvertretenden Landesjägermeisters und Bezirksjägermeisters von St. Veit, Ökonomierat Kurt Puck, wurde der Chor der Kärntner Jägerschaft gegründet. Sein Leitgedanke war ebenso einfach wie zeitlos: „Am Waidwerk Freud', rein im Gesang, der Heimat treu ein Leben lang.“


Diese Worte bringen auf den Punkt, was die Sänger seit mehr als einem Vierteljahrhundert verbindet: die Freude an der Jagd, die Liebe zur Musik und die Verbundenheit mit der Heimat.


Unter der musikalischen Leitung von Horst Moser entwickelte sich der Chor zu einem weit über Kärnten hinaus bekannten Klangkörper. Die Sänger traten bei Jagdveranstaltungen, Hubertusmessen und Konzerten auf. Sie gestalteten feierliche Anlässe und repräsentierten die Kärntner Jägerschaft auch außerhalb der Landesgrenzen.


Zu den Höhepunkten zählen Auftritte im Wiener Stephansdom, bei der Eröffnung des Jägerballs in der Hofburg sowie Konzerte in Südtirol und Tschechien. Auch das Wiener Rathaus und das Festspielhaus St. Pölten standen bereits auf dem Programm.


Doch die Jahre gingen nicht spurlos am Chor vorüber. Die Sänger wurden älter, einige schieden aus, und der Nachwuchs blieb zunehmend aus. Schließlich stand vor rund zwei Jahren sogar die Auflösung im Raum. Für einen Mann kam das allerdings überhaupt nicht infrage.


Ferdinand Kinzel, der Obmann des Chors der Kärntner Jägerschaft mit neuer CD.
Ferdinand Kinzel, der Obmann des Chors der Kärntner Jägerschaft mit neuer CD.

Ferdinand Kinzel: 5500 Kilometer für die Jagdkultur


 Kurt Puck (li.) hat den Jägerchor gegründet. Hier mit Ferdinand Kinzel (re.) vor 20 Jahren.
Kurt Puck (li.) hat den Jägerchor gegründet. Hier mit Ferdinand Kinzel (re.) vor 20 Jahren.

Wer Ferdinand Kinzel begegnet, merkt schnell, dass hier jemand nicht bloß ein Vereinsamt ausübt. Der Obmann des Chores ist ein Jäger mit Leib und Seele, dem das jagdliche Brauchtum eine Herzensangelegenheit ist.


Als die Zukunft des Chores auf der Kippe stand, erinnerte er sich an ein Versprechen.

„Der ehemalige Bezirksjägermeister Kurt Puck hat immer zu mir gesagt: Lieber Ferdinand, schau, dass der Chor weiterbesteht“, erzählt Kinzel im Gespräch mit „Schuss & Stille“. Ein Auftrag, den er ernst nahm.


Anstatt auf bessere Zeiten zu hoffen, setzte er sich ins Auto und begann, quer durch Kärnten zu fahren. Von Hegering zu Hegering, von Hegeschau zu Hegeschau. Er besuchte Jagdveranstaltungen, sprach mit Funktionären, Jungjägern und erfahrenen Weidmännern.

Überall stellte er dieselbe Frage: Wer singt gerne und könnte sich vorstellen, beim Chor der Kärntner Jägerschaft mitzumachen? „Ich war bei 31 Hegeschauen unterwegs. Insgesamt bin ich 5500 Kilometer gefahren“, erzählt der Obmann.


Ein enormer persönlicher Einsatz, der sich schließlich bezahlt machte. „Nach meiner Tour sind tatsächlich sieben neue Sänger zu uns gekommen. Darauf bin ich als Obmann schon sehr stolz.“


Sieben Sänger. Was für einen großen Chor zunächst nach wenig klingen mag, bedeutete für die Kärntner Jäger den entscheidenden Schritt in eine neue Zukunft. Und es zeigt, was ein einzelner Mensch mit Begeisterung, Ausdauer und Überzeugung bewirken kann. „Das Brauchtum muss gefördert werden“, sagt Kinzel. Ein Satz, der für ihn offensichtlich keine leere Floskel ist.



Ein Chorleiter mit jagdlichem Herz


Chorleiter Horst Moser
Chorleiter Horst Moser

Einer, der den Chor von Anfang an begleitet, ist Horst Moser. Der langjährige musikalische Leiter ist nicht nur ein erfahrener Chorleiter, sondern selbst begeisterter Jäger. Seine persönliche Verbindung zum Weidwerk reicht bis in die Kindheit zurück. „Mein Vater war Jäger, und ich war schon als Bub viel mit ihm unterwegs“, erinnert sich Moser.


Zur Jagdprüfung kam er allerdings erst später. Der damalige Chorinitiator Kurt Puck ermutigte ihn, selbst den Jagdschein zu machen. 2001 legte Moser schließlich die Prüfung ab. Für Horst Moser gehören Jagd und Musik seither untrennbar zusammen. „Neben der Jagd, die uns alle verbindet, ist es ganz wichtig, dass wir auch die Kultur und das Brauchtum hochhalten“, erklärt der Chorleiter.


Dabei geht es ihm keineswegs ausschließlich um jagdliche Lieder. Auch das traditionelle Kärntnerlied, geistliche Werke und klassische Männerchorliteratur gehören zum Repertoire. Moser spricht dabei nicht nur als Musiker. Man merkt, dass ihm die Gemeinschaft der Jäger ebenso wichtig ist wie der musikalische Anspruch. Denn ein Chor funktioniert nur, wenn jeder Einzelne bereit ist, sich einzubringen. Der beste Sänger allein macht noch keinen guten Chor. Erst das Zusammenspiel der Stimmen schafft jene Harmonie, die einen berührt.

Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Parallelen zur Jagd.



Warum jagdliches Brauchtum mehr ist als Folklore


Wer heute über Jagd spricht, landet schnell bei Abschussplänen, Wildschäden, Beutegreifern oder technischen Fragen rund um Waffen und Ausrüstung. Das alles gehört selbstverständlich zum modernen Jagdbetrieb. Doch Jagd ist weit mehr als ihre praktischen Aufgaben. Sie ist auch eine über Generationen gewachsene Kultur, geprägt von Werten, Ritualen und einer besonderen Beziehung zwischen Mensch, Tier und Natur.


Das beginnt bei der Weidmannssprache, setzt sich über den letzten Bissen und den Erlegerbruch fort und reicht bis zum Verblasen der Strecke nach einer Gesellschaftsjagd.


Diese Rituale sind nicht bloß schmückendes Beiwerk. Sie geben dem jagdlichen Handeln einen Rahmen. Sie erinnern daran, dass mit dem Erlegen eines Wildtieres Verantwortung verbunden ist und dass Respekt vor dem Lebewesen nicht mit dem Schuss endet. Gerade in einer Zeit, in der die Jagd zunehmend kritisch hinterfragt wird, ist diese Haltung von Bedeutung.


Brauchtum allein macht aber noch niemanden zu einem verantwortungsvollen Jäger. Entscheidend ist, ob die damit verbundenen Werte tatsächlich gelebt werden. Ein sauberer Schuss, die Vermeidung unnötigen Tierleids, der respektvolle Umgang mit dem erlegten Wild und die Bereitschaft, das eigene Handeln zu hinterfragen, sind Ausdruck dieser Verantwortung.


Der Chorgesang kann diese Werte nicht ersetzen. Aber er kann sie sichtbar und hörbar machen. Wenn Jäger gemeinsam singen, zeigen sie eine Seite des Weidwerks, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu kurz kommt. Eine Seite, die von Gemeinschaft, Heimatverbundenheit, Freude und kulturellem Bewusstsein geprägt ist.



Von der Hubertusmesse bis zum letzten Halali


Wie eng Jagd und Gesang miteinander verbunden sind, zeigt sich besonders bei traditionellen Veranstaltungen. Der Chor der Kärntner Jägerschaft begleitet regelmäßig die feierliche Übergabe der Jagdprüfungszeugnisse.


Für junge Jäger ist dieser Moment etwas Besonderes. Nach Monaten des Lernens halten sie erstmals den Nachweis ihrer bestandenen Jagdprüfung in Händen. Sie haben sich mit Wildbiologie, Jagdrecht, Waffenhandhabung und jagdlicher Praxis beschäftigt. Nun beginnt ein neuer Abschnitt.


Wenn dieser Anlass von traditionellen Jagdliedern begleitet wird, erhält er einen feierlichen Rahmen. Für Ferdinand Kinzel gehören solche Auftritte zu den schönsten Aufgaben des Chores. „Wenn die Jungjäger ihre Zeugnisse bekommen und wir dazu singen dürfen, ist das immer etwas Besonderes“, erzählt er.


Auch bei Hubertusfeiern, Jagdmessen und anderen jagdlichen Veranstaltungen sind die Sänger vertreten. Der heilige Hubertus gilt als Schutzpatron der Jäger. Sein Gedenktag am 3. November ist in vielen Revieren Anlass für feierliche Zusammenkünfte.


Dabei geht es nicht nur um die religiöse Tradition, sondern auch um die bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln. Denn die Hubertuslegende erinnert an Maßhalten, Verantwortung und Achtung vor der Schöpfung. Gedanken, die auch unabhängig von einer religiösen Überzeugung ihren Platz in einer zeitgemäßen Jagdethik haben.


Zum musikalischen Repertoire des Chores gehören neben traditionellen Jagdliedern auch bekannte Werke wie „La Montanara“. Eine besondere Bedeutung haben für Kinzel jene Lieder, die bei jagdlichen Feiern erklingen und mit persönlichen Erinnerungen verbunden sind. Und genau darin liegt eine weitere Stärke der Musik: Sie bewahrt Erinnerungen.

Manches Lied ruft Bilder wach, die Jahrzehnte zurückliegen. Die erste Jagd mit dem Vater. Eine Hubertusmesse mit alten Jagdfreunden. Oder einen Menschen, der längst nicht mehr unter uns ist. Musik kann solche Erinnerungen auf besondere Weise lebendig halten.



Wer gerne singt, ist willkommen


Dass der Chor heute wieder zuversichtlich in die Zukunft blickt, ist vor allem dem Engagement seiner Mitglieder und Funktionäre zu verdanken. Die sieben neuen Sänger sind dafür ein besonders schönes Beispiel. Doch die Nachwuchsarbeit geht weiter.


Geprobt wird jeden Mittwoch von 19 bis 21 Uhr im Schloss Mageregg in Klagenfurt, dem traditionellen Sitz der Kärntner Jägerschaft. Musikalische Vorkenntnisse sind nicht zwingend erforderlich. Wichtiger sind Freude am Singen, Interesse an der Jagdkultur und die Bereitschaft, Teil der Gemeinschaft zu werden.


Auch wer noch keine Jagdkarte besitzt, ist nach Auskunft der Verantwortlichen nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Langfristig möchte der Chor allerdings seinem besonderen Charakter als Gemeinschaft aktiver Jäger treu bleiben. Interessierte können sich direkt beim Chor der Kärntner Jägerschaft melden.



Warum „Schuss & Stille“ über singende Jäger berichtet


Wer "Schuss & Stille" kennt, weiß, dass wir uns gerne mit Jagdwaffen, Zielfernrohren, Munition und moderner Jagdtechnik beschäftigen. Wir testen Büchsen, beschäftigen uns mit Schussleistung und Präzision und diskutieren darüber, welche Ausrüstung im Revier tatsächlich sinnvoll ist.


Doch die Jagd besteht nicht nur aus Technik. Eine präzise schießende Büchse ist wichtig. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Waffe noch wichtiger. Aber was macht einen Jäger darüber hinaus aus?


Es ist seine Einstellung zum Wild. Seine Verbundenheit mit der Natur. Sein Respekt vor anderen Menschen. Und auch seine Bereitschaft, jene Traditionen weiterzutragen, die über Generationen gewachsen sind.


Natürlich muss nicht jeder Jäger singen können. Und selbstverständlich ist niemand ein schlechterer Jäger, nur weil er mit Jagdliedern wenig anfangen kann.


Aber wir sollten jene Menschen wertschätzen, die sich mit großem persönlichen Einsatz um die Erhaltung unseres jagdlichen Kulturgutes bemühen. Denn solange Menschen bereit sind, gemeinsam für eine Sache einzustehen, wird auch das jagdliche Brauchtum eine Zukunft haben.

Weidmannsheil – und weiterhin gut bei Stimme!






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