Die Zecken erobern das Hochrevier. Was bedeutet das für uns Jäger?

Auf 1500 Metern, im kühlen Bergwald, sollte man vor Zecken eigentlich seine Ruhe haben. Sollte man. Denn der Gemeine Holzbock steigt in Österreich immer höher – und bleibt immer länger aktiv. Klimawandel, milde Winter und Wildtiere als Wirte verschieben seine Grenzen. Für Jäger bedeutet das: Das Zeckenrisiko endet längst nicht mehr an der Waldgrenze.
Es ist September. Der Tau liegt noch schwer auf den Gräsern, als der Jäger im ersten Licht durch die Latschen hinaufzieht. 1400 Meter Seehöhe. Vielleicht 1500. Gamsjagd. Kühler Morgen, Bergwald, Almgelände. Zecken? Die vermutet man weiter unten. Genau das könnte ein Fehler sein.
Denn während Rot-, Reh- und Gamswild im Laufe des Jahres ihre Einstände wechseln, zieht ein winziger Passagier mit ihnen immer weiter hinauf: die Zecke. Vor allem der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) hat seinen Lebensraum in den vergangenen Jahrzehnten verändert.
Die alte Faustregel, wonach oberhalb von 1000 Metern kaum noch mit Zecken zu rechnen sei, ist Geschichte. Die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, AGES, hält ausdrücklich fest, dass diese Höhengrenze schon lange nicht mehr existiert. Einzelne Fundstellen liegen mittlerweile über 1500 Meter Seehöhe. Studien aus den Alpen weisen aktive Holzböcke sogar in Höhen um 1700 bis über 1800 Meter nach.
Das Wild fährt Taxi
Dass die Zecke bergauf marschiert, bedeutet natürlich nicht, dass sie tatsächlich aus eigener Kraft hunderte Höhenmeter überwindet. Sie lässt sich tragen.
Rehe, Rotwild, Gämsen, Steinwild, Füchse, Nagetiere und andere Tiere dienen den Parasiten als Wirte. Eine Zecke nimmt eine Blutmahlzeit, fällt später wieder ab – und befindet sich plötzlich an einem Ort, den sie selbst niemals erreicht hätte.
Gerade Wildtiere verbinden damit unterschiedliche Lebensräume miteinander. Ein Reh kann morgens im Tal stehen und später deutlich höher einwechseln. Rotwild legt saisonal noch größere Distanzen zurück. Auch Gämsen halten sich keineswegs ausschließlich oberhalb der Waldgrenze auf.
Das Wild wird damit unbeabsichtigt zum Transportmittel. Ob eine Zeckenpopulation in einer neuen Höhenlage allerdings dauerhaft bestehen kann, entscheidet nicht das Wild allein. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Vegetation und die Länge der Vegetationsperiode sind entscheidend. Und genau hier verändert sich das alpine System.

Mildere Bedingungen in höheren Lagen
Zecken brauchen Feuchtigkeit und ausreichend lange warme Phasen für ihre Entwicklung. Steigende Temperaturen können deshalb besonders in höheren Lagen Lebensräume öffnen, die früher klimatisch ungünstig waren. Österreichische Fachinformationen weisen darauf hin, dass die steigenden Temperatursummen auch in alpinen Regionen die Entwicklung von Zecken begünstigen. Dazu kommt: Die Saison wird unschärfer.
Dass der Name Frühsommer-Meningoenzephalitis klingt, als wäre das Problem spätestens im Juli erledigt, führt ohnehin in die Irre. Zecken können bei passenden Bedingungen weit über den Sommer hinaus aktiv sein. Die AGES spricht mittlerweile sogar davon, dass Zecken in Österreich grundsätzlich ganzjährig auftreten können. 2026 wurden die ersten Exemplare bereits Anfang Februar gemeldet.
Für den Jäger ist gerade das entscheidend. Denn unsere intensivste Zeit im Revier beginnt nicht zwingend mit den ersten warmen Maitagen. Pirsch, Brunft, Nachsuche, Wildbergung, Revierarbeiten und Gesellschaftsjagden führen uns bis weit in den Herbst hinein durch hohes Gras, Farn, Heidelbeeren, Brombeeren, Jungwald und dichtes Unterholz. Also genau dorthin, wo Zecken warten.
Der Jäger ist der perfekte Wirt

Zecken fallen übrigens nicht von Bäumen. Der Gemeine Holzbock sitzt meist in Bodennähe auf Gräsern, Kräutern und niedriger Vegetation. Streift ein potenzieller Wirt vorbei, wechselt er auf Kleidung oder Körper und sucht anschließend nach einer geeigneten Stichstelle. Und kaum jemand bietet ihm dafür bessere Gelegenheiten als ein Jäger.
Wir bleiben nicht auf dem Wanderweg. Wir schlagen uns durch Naturverjüngungen, knien im Gras, sitzen an Waldrändern, kriechen unter Ästen hindurch und tragen erlegtes Wild durch Vegetation. Bei der Nachsuche geht es oft mitten durch jene Bereiche, die Spaziergänger meiden. Dazu kommt die Zeit.
Ein Wanderer ist vielleicht zwei Stunden unterwegs. Ein Jäger verbringt während der Saison regelmäßig ganze Tage und Nächte draußen. Damit steigt schlicht die Zahl möglicher Kontakte.
Fast jede vierte untersuchte Zecke mit Borrelien
Wie relevant dieses Risiko ist, zeigen aktuelle Daten aus Österreich. Im nationalen Zeckenmonitoring wurden 2025 insgesamt 8298 Zecken aus Österreich an die AGES übermittelt. 96 Prozent gehörten zur Gattung Ixodes, zu der auch der Gemeine Holzbock zählt. Von 3838 genauer auf verschiedene Erreger untersuchten heimischen Schildzecken trugen 24 Prozent Lyme-Borrelien. Daneben wurden unter anderem Rickettsien, Anaplasmen und weitere Erreger nachgewiesen.
Das bedeutet nicht, dass jeder vierte Zeckenstich zu einer Borreliose führt. Aber es zeigt, welches Erregerreservoir draußen vorhanden ist. Und es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen den beiden bekanntesten Zeckenerkrankungen.
FSME-Viren können bereits beim Stich übertragen werden. Bei Borrelien dauert die Übertragung normalerweise länger. Deshalb kann bei Borreliose eine rasche Entfernung der Zecke das Infektionsrisiko reduzieren.
Gegen FSME wiederum steht eine wirksame Impfung zur Verfügung. Österreich gilt vollständig als FSME-Risikogebiet; kein Bundesland ist FSME-frei. Der österreichische Impfplan empfiehlt die Impfung daher für alle in Österreich lebenden Personen.
Für Menschen, die beruflich oder aus Leidenschaft einen beträchtlichen Teil ihres Lebens im Wald verbringen, sollte der eigene Impfstatus deshalb eigentlich so selbstverständlich kontrolliert werden wie der Zustand der Jagdausrüstung.
Nach der Pirsch kommt die Kontrolle

Der wirksamste Schutz beginnt trotzdem bei etwas erstaunlich Einfachem: Nach jedem Reviergang absuchen. Nicht erst am nächsten Morgen.
Besonders genau sollte man Kniekehlen, Leistenregion, Achselhöhlen, Bauch, Rücken, Hals und Haaransatz kontrollieren. Auch die Jagdhose gehört angesehen – eine Zecke muss nicht sofort zustechen. Häufig krabbelt sie längere Zeit auf Kleidung oder Haut.
Findet man eine bereits festgesaugte Zecke, sollte sie möglichst rasch mit einer spitz zulaufenden Pinzette hautnah am Stechapparat gefasst und mit gleichmäßigem Zug entfernt werden.
Treten anschließend eine sich ausbreitende ringförmige Hautrötung, Fieber, starke Kopf- oder Gliederschmerzen oder andere ungewöhnliche Beschwerden auf, gehört das medizinisch abgeklärt.
Die neue Wirklichkeit im Bergrevier
Panik ist deshalb nicht angebracht. Respekt schon. Denn vielleicht ist die interessanteste Erkenntnis gar nicht, dass Zecken heute auf 1500 oder 1800 Metern gefunden werden. Interessanter ist, wie schnell eine Gewissheit aus dem Revier verschwunden ist. „So hoch oben gibt es keine Zecken.“ Diesen Satz haben Generationen von Bergjägern gehört.
Heute stimmt er nicht mehr. Der Gemeine Holzbock verschwindet mit zunehmender Höhe zwar nicht schlagartig, sondern wird zunächst seltener. Doch seine Grenze verschiebt sich. Wo Klima, Feuchtigkeit, Vegetation und genügend Wirte zusammenpassen, kann aus einem einzelnen eingeschleppten Parasiten irgendwann eine etablierte Population werden.
Und die Wildtiere tragen ihren Teil dazu bei.
Vielleicht sitzt die Zecke deshalb nicht nur im Gras. Vielleicht sitzt sie sinnbildlich längst auf dem Rücken jenes Rehbocks, Hirsches oder Gamsbocks, dem wir im Herbst bergauf folgen. Die Zecke folgt dem Wild. Und damit folgt sie auch dem Jäger.



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